Die Chemiekonferenz und ihre Entwicklungsziele fanden bereits 1960 Einzug in den Chemieunterricht. Schulbuch, Berlin 1960
"In der Kommandozentrale eines Chemiegiganten". Das Foto zeigt die Bedeutung der Chemieindustrie für das Programm der "wissenschaftlich-technischen Revolution". Deutsche Demokratische Republik (Bildband), Leipzig 1969
Die Erdölleitung aus der Sowjetunion ist die Grundlage für die Modernisierung der DDR-Chemieindustrie. Planskizze, 7 Jahre Sputniktempo. Eine Siebenjahrplanfibel für das 6. bis 8. Schuljahr, Berlin 1960
Rauchende Schlote als Fortschrittssymbol. Ansicht der Leuna-Werke, in: 50 Jahre Leuna. Tradition, Leistung, Perspektive, 1966, Bd.1

Die Chemiekonferenz und ihre Folgen

Auf der Chemiekonferenz, die am 3. und 4. November 1958 in Leuna stattfand, diktierte Walter Ulbricht der chemischen Industrie Produktions- und Entwicklungsziele, die auch die Konsumwelt der Bevölkerung der DDR verändern sollten. "[I]nnerhalb von 1200 Tagen, d.h. bis 1961" im Pro-Kopf-Verbrauch chemischer Erzeugnisse "Westdeutschland zu übertreffen" und bis zum Jahr 1965 die chemische Produktion zu verdoppeln, so lautete das ehrgeizige Ziel, das der 1. Sekretär des ZK der SED auf dem Werksgelände des nach ihm benannten VEB Leuna-Werke "Walter Ulbricht" den anwesenden Ingenieuren, Facharbeitern, Wissenschaftlern und Funktionären setzte. Mit Leuna hatte man einen traditionsreichen Chemiestandort gewählt, um die im gleichen Jahr auf dem V. SED-Parteitag neu entwickelten Richtlinien für die Chemieindustrie zu diskutieren.

Das hier verabschiedete "Chemieprogramm" hatte die Abkehr vom einseitig betriebenen Ausbau der Schwerindustrie zum Ziel und war der Versuch, auf den abgebrochenen zweiten Fünfjahrplan mit neuen Entwicklungsstrategien, dem umfangreichen Ausbau der Chemieindustrie und vor allem der Produktion von Kunststoffen und Chemiefasern zu reagieren. Dies sollte in zwei Etappen realisiert werden: Zunächst sollten die vorhandenen Produktionskapazitäten besser ausgenutzt, und daran anschließend neue Chemiewerke für die Petrolchemie errichtet werden. Besonders sollte die Produktion von Kunststoffen und synthetischen Fasern erhöht werden. Dies bedeutete den Übergang von der Kohle- auf die Erdölchemie.

Die chemische Industrie, die sich im mitteldeutschen Raum bereits auf eine lange Forschungstradition und hoch entwickelte Produktionsanlagen stützen konnte, hatte sich nach 1945 trotz Kriegsschäden und Demontagen ausgesprochen gut behauptet. So erreichte die chemische Produktion zur Zeit der Chemiekonferenz bereits einen Anteil von 4,5 % an der Weltproduktion und belegte damit den 7. Platz. Allerdings setzte erst mit der Chemiekonferenz in der DDR eine notwendige Umorientierung ein: Während die USA bereits in den 20er Jahren Erdöl und Erdgas als Kohlenstofflieferanten für die Chemieindustrie entdeckt und eine weitaus effektivere Petrolchemie ausgebaut hatten, setzte die DDR noch Mitte der 50er Jahre auf den Ausbau der unwirtschaftlicheren kohlebasierten Chemie (Karbonchemie)


Die Chemiekonferenz sollte nun den längst überfälligen Orientierungswechsel herbeiführen und neben der Ausweitung der Karbonchemie jetzt auch die Herstellung von Plasten und synthetischen Fasern auf Erdölbasis erfolgen. Dazu wurde im selben Jahr der Bau einer über 5000 Kilometer langen Erdölpipeline von der Sowjetunion bis nach Schwedt vereinbart und 1960 der Grundstein für das dortige Erdölverarbeitungswerk (PCK Schwedt) gelegt. Weitere Investitionen führten ab 1959 zum Bau des Werkes Leuna II (einem modernen Produktionskomplex, der die petrochemischen Grundstoffe Ethylen und Propylen bereitstellen sollte), zur Modernisierung des Gipsschwefelsäurewerks Coswig, der PVC-Fabrik in Bitterfeld und dem Ausbau der Karbonchemie in Buna. Um die Steigerung der Kunstfaserproduktion zu bewerkstelligen, wurden neue Anlagen zur Faserproduktion in Schwarza und Premnitz sowie das Chemiefaserwerk Guben neu errichtet.

Allerdings zeichnete sich bereits 1961 deutlich ab, dass das Chemieprogramm sich nicht im gewünschten Tempo würde realisieren lassen. Die Öllieferungen aus der Sowjetunion, auf denen das Vorhaben in erster Linie fußte, fielen geringer aus, als zugesichert worden war, und führten in den 60er Jahren zu bedrohlichen Engpässen in der Plastproduktion, vor allem attraktive Thermoplaste. Die teilweise noch aus dem Ersten Weltkrieg stammenden Produktionsanlagen waren ausgelastet, neue Anlagen für die Petrolchemie, wie das Plastikwerk Leuna II zur Herstellung von Polyethylen, mussten aus dem Ausland importiert werden.

Mit dem Ende der DDR wurde schließlich deutlich, dass die Chemieproduktion eine extrem belastete Industrielandschaft hervorgebracht hatte. Was war von der Parole der Chemiekonferenz, Chemie bringe Brot, Wohlstand und Schönheit, geblieben? Von Wohlstand konnte Ende der 80er Jahre nicht die Rede sein, wenn nach Erhebungen des Jahres 1987 die Chemieprodukte der DDR nur mehr 9 Prozent des Preises pro Kilogramm im Vergleich mit entsprechenden Erzeugnissen der Bundesrepublik erzielten. Die Sowjetunion hatte den Umfang ihrer Erdöllieferungen bereits in den 70er Jahren deutlich verringert und verkaufte das Öl nach dem Erdölschock von 1973 nun gegen harte Devisen ins westliche Ausland. Daraufhin musste die DDR aus Rohstoff- und Devisenknappheit wieder auf die Nutzung von Braunkohle als Ausgangsstoff der chemischen Produktion zurückgreifen. Dies führte zu enormer Luftverschmutzung durch Schwefeldioxid, Staub und Asche.

Die Landschaften um Bitterfeld/Wolfen und Merseburg/Leuna/Buna waren stärker mit Schwefeldioxid und Kohlendioxid belastet als irgendwo sonst in Europa. Mit 375 Mio. Tonnen CO2 hatte die DDR die größte Pro-Kopf-Emission weltweit. Sechs Millionen Menschen lebten in Gebieten mit deutlicher Grenzüberschreitung, damit war mehr als ein Drittel der DDR-Bevölkerung belastet.

Das Grundwasser war durch chlor-organische Verbindungen und Schwefelwasserstoffe nachhaltig vergiftet. Völlig unkontrolliert wurden im Chemiekombinat um Bitterfeld große Mengen an Restchemikalien auf Giftmülldeponien entsorgt und die Abwässer der chemischen Werke ungeklärt in die Mulde abgeleitet. Dies führte in der unmittelbaren Umgebung Bitterfelds nachweisbar zu massiven Gesundheitsschäden bei der Bevölkerung.