Die Verbindung von Forschung und Produktion ist das Motiv der Exportwerbung des Stickstoffwerkes Piesteritz, Die Technik, Messeheft 1955

Chemisierung des Alltags - die Veränderung der Alltagswelt durch Plastprodukte

 

Das Begriffspaar "Plaste und Elaste" stand sinnbildlich für einen modernen, fortschrittlichen Lebensstil, der durch ein Sortiment an praktischen, hygienischen und preiswerten Konsumartikeln Einzug in die Haushalte der 60er Jahre fand. In der Imagination einer Welt, die ganz aus Plastik bestand, sollte der Bevölkerung die "technische Revolution" als erfolgversprechender Entwicklungsprozess und nahes Zukunftsziel vor Augen geführt werden.

Damit wurde "Plaste" zu weit mehr als einem Material zum Ersatz der in der DDR knappen Ressourcen wie Buntmetall, Holz und Glas. Anfang der 50er Jahre ließ sich noch eine spürbare Ablehnung von Kunststoffen durch die Bevölkerung registrieren. Um diese "Ersatzstoff-Psychose" zu überwinden, sollte "Plaste" von nun an Ausdruck einer greifbaren Utopie sein und die Überlegenheit der "sozialistischen Lebensweise" demonstrieren.

Aus wirtschaftlichen und ideologischen Gründen sollte der Einsatz von Plaststoffen möglichst universell sein. So bestimmten die Plaste und Chemiefasern bald auch alle Bereiche des Haushalts- und Freizeitbereichs. Komplette Kücheneinrichtungen mit Sprelacartbeschlägen (einem Aminoplastschichtpreßstoff) dominierten, Geschirr und Bestecke aus Polyethylen oder Polystyrol lösten Porzellan und Holz ab. Selbst Glas ließ sich durch die ebenfalls durchsichtigen Kunststoffe Polymethacrylat und Polystyrol ersetzen. Und nicht zuletzt eroberten Chemiefasern den heimischen Bekleidungsmarkt: Dederon, Wolcrylon, Grisuten lauten die Handelsnamen der vollsynthetischen Fasern aus Polyamid, Polyacrylnitril und Polyester, die als besonders pflegeleicht beworben wurden.

Der Titel der Ratgeberzeitschrift "Guter Rat" zeigt, Geschirr und Dosen aus Meladur, Flaschen aus Polyethylen, Salatbesteck aus Polystyrol,

Zunächst waren die meist verwendeten Kunststoffe altbekannt: Das in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erstmals hergestellte Celluloid wurde seit 1887 in der Deutschen Celluloid-Fabrik in Eilenburg produziert, die 1953 in einen Volkseigenen Betrieb umgewandelt wurde. Aus Celluloid waren Perlen, Knöpfe, Schirmgriffe, Kämme, Folien und Filme gefertigt. Radiogeräte, Telefonapparate, Steckdosen, Kabeltrommeln und Artikel des Bürobedarfs bestanden oft aus dem dunkel melierten Phenolharz Bakelit, entwickelt Anfang des 20. Jahrhunderts und nach seinem Erfinder Henry Baekeland benannt. Schließlich wurde in den 30er Jahren in Bitterfeld der Weich-PVC-Stoff Igelit entwickelt. Aus diesem Thermoplast wurden neben Fußbodenbelägen und Rohrummantelungen sogar Schuhe und Regenmäntel für den Konsumgüterbereich gefertigt.

Dann begann Mitte der 50er Jahre der Siegeszug der Aminoplaste. Unter ihnen setzte sich zunächst das Meladur durch: Es war absolut geruchsfrei und damit für den Umgang mit Nahrungsmitteln geeignet, besonders stabil und zugleich wasserbeständig. Es wurde zu Kantinen- und Campinggeschirr verarbeitet und erschien in Pastelltönen, den modernen Farben der Zeit. Den Kunststoffen war mit dem Meladur ein ganz neuer Anwendungsbereich eröffnet worden: die Haushaltswaren.


In Folge der Chemiekonferenz wurde die Produktpalette neben den bereits genannten Duroplasten (Phenolharze und Aminoplaste) ab Mitte der 60er Jahre um die sogenannten Thermoplaste erweitert, vor allem Polyethylen und Polystyrol. Sie entwickelten sich in der Konsumgüterproduktion zu regelrechten Massenplasten. Polystyrol fand aufgrund seiner Leichtigkeit in fast allen Bereichen Verwendung: Geschirr, Kristallglasimitationen, Gehäuse von Elektrogeräten, Verpackungen. Nur an der Festigkeit mangelte es diesem Alleskönner unter den Plaststoffen. Dagegen konnte das Polyethylen mit seiner Unzerbrechlichkeit bei gleichzeitig hoher Elastizität punkten: Plastflaschen aus Polyethylen stellten zudem eine bedeutend leichtere und billigere Alternative zum herkömmlichen Glas dar. Da Polyethylen keinerlei Feuchtigkeit aufnimmt, ließ es sich überall dort verwenden, wo der Gegenstand unmittelbar mit Wasser in Berührung kommt: Eimer, Zahnputzbecher, Zahnbürsten, Trinkflaschen, Gießkannen, Kinderbadewannen und -nachttöpfe waren weit verbreitete Artikel.

Werbung der Wilhelm Kimmel KG, einem der

Etwa binnen eines Jahrzehnts war ein ganzer Lebensbereich plastifiziert worden. Und diese Entwicklung blieb nicht beim Hausrat stehen, sie erfasste auch die Elektrogeräte. Die Schreib- und Nähmaschinen mit Metallgehäuse verschwanden und machten Plastegehäusen Platz, ebenso wurde bei Fernseh- und Radiogeräten die Holzverkleidung durch Kunststoff ersetzt. Transportable Kleingeräte wie das Kofferradio sind erst aus leichtem Kunststoff überhaupt denkbar.

Mit dem Einzug der Plaste in die Haushalte der DDR änderte sich die Produktwelt und mit ihr die Lebenswelt der Menschen. Plaststoffe galten in den 60er Jahren als modern und ermöglichten einen Zuwachs an Komfort und Zeitersparnis im Haushalt.

Es lässt sich allerdings schwer beurteilen, wie erfolgreich das Chemieprogramm tatsächlich in der Bevölkerung kommuniziert werden konnte. In einem Land, in dem es wenig Produktvielfalt gab, lässt sich kaum erschließen, ob die Produkte akzeptiert wurden oder nicht. Immer waren neben funktionalen, gut gestalteten Produkten auch andere verbreitet, zeigten sich auch unästhetische und schlichtweg unsinnige Auswüchse in der Produktgestaltung. Vor allem die schlechte Imitation von Naturstoffen durch Plastik, etwa Holzmusterdruck auf Geschirr und Möbeln oder Kristallnachahmung bei Gläsern gelang schlecht und geriet auch zunehmend in die Kritik. Manche Produkte aus Plastik waren schlichtweg sinnlos oder erwiesen sich als ungemütlich oder unbequem. Tatsache ist, dass die Kunststoffproduktion bis in die 80er Jahre stetig ausgeweitet wurde, der Modernitätsbonus, mit dem Plastik in den 60er Jahren ausgestattet war, in den 70er und 80er Jahren allerdings verloren ging. Auch in Zeitschriften für Inneneinrichtung, das Interesse der jüngeren Menschen galt der Rückkehr zum alten Mobiliar der Großelterngeneration.