Werbung des Stickstoffwerkes Piesteritz,

Ästhetisierung der Chemie

Das Image, bloßer Ersatz-Stoff zu sein, haftete der "Plaste" lange Zeit an. So erklärt sich, dass man bereits vor der Chemiekonferenz darum bemüht war, dieses Bild zurechtzurücken. Ein erster Versuch war die 1954 in Berlin veranstaltete Ausstellung "Kunststoffe im Neuen Kurs", auf der sich eine Reihe kunststoffproduzierender Betriebe mit ihrem Sortiment vorstellten. Wie stark diese Ausstellung wahrgenommen worden ist, lässt sich nur schwer bemessen. Die Werbeanzeigen aus Fachzeitschriften ("Die Technik", "Plaste und Kautschuk") und dem "Messejournal" dürften in der Öffentlichkeit kaum Einfluss gehabt haben. Sie richteten sich meist an potentielle Abnehmer aus dem Ausland und bewarben in der Regel keine Enderzeugnisse, sondern Vorprodukte. Dabei setzten die jeweiligen Gestalter ihre Produkte recht unterschiedlich in Szene: In den 50er Jahren bestimmten noch Chemieanlagen, rauchende Schornsteine und allenfalls das Reagenzglas als Symbol der Wissenschaft den Werbeauftritt der Chemieindustrie. Nach der Chemiekonferenz wurde die Darstellung sowohl farbenfroher als auch konkreter. Zahlreiche Betriebe zögerten nun nicht länger, auch abzubilden, was sie herstellten. Wer nicht zeigen wollte, was er produzierte, bemühte sich zumindest zu zeigen, zu welchen Konsumgütern sich die chemischen Grundstoffe weiterverarbeiten ließen. So bildeten die Werbeanzeigen des VEB Stickstoffwerke Piesteritz etwa stets ein regelrechtes Panorama an Gebrauchsgütern ab und stellten bisweilen sogar den Konsumenten bzw. die Konsumentin in den Mittelpunkt der Darstellung.

Werbung für die Perlonfaser Dederon, benannt 1959

In den 70er und 80er Jahren brauchte man von Kunststoffwelten im Haushalt dann nicht mehr zu träumen. Die Werbung benötigte keine Zeichnungen von Telefonapparaten und Campinggeschirren als Visionen einer baldigen Zukunft mehr, sie bildete ihre Produkte als Fotos ab und dokumentierte den Plasteboom als Realität.

Weitaus leichter ließ sich die Bevölkerung durch Schaufenster und Illustrierte für die moderne Welt aus Plaste gewinnen. Die VVB Plast- und Elastverarbeitung eröffnete eigene Verkaufsstätten in Halle, Berlin und Leipzig. "Chemie im Heim" nannte sich das HO-Geschäft in der Berliner Karl-Marx-Allee, das sich auf Kunststofferzeugnisse spezialisiert hatte. Auch Kaufhallen warben im Schaufenster oder im Geschäftsinnenraum gezielt für Plasteprodukte.

In Illustrierten wie "Sibylle", "Für Dich" oder "Guter Rat" wurden Plaste nicht nur beworben, sie wurden intensiv erörtert, neben Haushaltswaren vor allem die Chemiefasern. In ganzen Artikelserien wurden Chemiefasern und Kunststoffe vorgestellt und hinsichtlich ihrer Stoffeigenschaften und Qualitäten diskutiert. Hinzu kam die Vorstellung und Besprechung von Neuheiten auf dem Markt.

Ästhetisierende Darstellung von Haushaltartikeln auf

Texte mit propagandistischer Ausrichtung fanden sich hauptsächlich in der populärwissenschaftlichen Sachliteratur der 60er Jahre. Die Träume von modernen High-Tech-Städten aus Kunststoff, umhüllt von einer Plastkuppel, wurden hier ebenso zur Metapher des Fortschritts wie der zwischen Reagenzgläsern wirtschaftende Chemiker. Die verherrlichenden Abbildungen von Industrielandschaften und werktätigen Chemiefacharbeitern ergänzten das Bild noch zum sozialistischen Gemeinschaftsprojekt.

Die Chemiekonferenz von 1958 war Auslöser einer Chemisierung des Alltags und der Propagierung von Kunststoffen als Objekt der Moderne. Hier sollte der Fortschritt konkret spürbar sein und mit der sozialistischen Gesellschaft verbunden werden. In den 60er Jahren präsentierten sich Alltagsgegenstände aus Plaste als Symbole einer neuen Zeit und sollten zugleich allgegenwärtigen den Mangel an Konsumgütern in der DDR mindern. In den 70er und 80er Jahren dagegen wurden Gegenstände aus Kunststoff zu unauffälligen Begleitern des Alltags. Teilweise wurden sie nun wieder als Ausdruck von Mangel interpretiert, teils aus Kritik an der Umweltverschmutzung oder aus Gründen des persönlichen Geschmacks abgelehnt. Worin bestand das Besondere an dieser Entwicklung in der DDR? Ist sie nicht im Westen ähnlich verlaufen (Vom Nylon-Strumpf bis zur "Jute statt Plastik"-Bewegung)? Mit der Chemiekonferenz von 1958 wurde eine Vorgabe gemacht, auf die die Planwirtschaft durch massive Investitionen und die Presse mit Propaganda und Aufklärung reagierte. So wurde aus einer zeitbedingten, mit dem Westen vergleichbaren technologischen und wirtschaftlichen Entwicklung tatsächlich ein "Programm": "Plaste" als einfache Alltagsprodukte erhielten auf einmal eine gesellschaftliche, ja programmatische Bedeutung. Man sieht sie ihnen nicht an.