Alltagsdinge. Formgestaltung in der DDR

15. Mai 2011 bis 6. Mai 2012

Der Titel der Ausstellung sagt, worum es geht: einfache Dinge des Alltags, landläufige Konsumgüter sind Gegenstand eines professionellen Produktdesigns und waren in der DDR seit den frühen 50er Jahren Teil einer offiziellen Kulturpolitik unter der Maßgabe der Entwicklung einer "sozialistischen Lebensweise" . Alltagsdinge unterliegen deshalb künstlerischer Gestaltung ebenso, wie sie in einer komplexen Lebenswelt entstehen und wirken.

Die Ausstellung zeigt Gegenstände, die in der Designentwicklung der DDR vielfach besprochen wurden und inzwischen ihren Platz in der Designgeschichte gefunden haben. Zugleich verweist der Titel "Alltagsdinge" auf die Dimension der Ausstattung einer Gesellschaft mit Gütern des täglichen Gebrauchs. Im Vordergrund steht ihre Funktionalität, aber auch ihre Verfügbarkeit. Man könnte diesen Aspekt auch unter den Begriff der Annehmlichkeiten des modernen Lebens fassen, gerade im Hinblick auf die in der Ausstellung verhandelte Zeit einer "europäischen Nachkriegsmoderne" seit den 50er Jahren. Zugleich wurde und wird immer wieder neu verhandelt, was "modern" ist, welche Form angemessen und welche reines "Dekor" ist. Dies gilt für die Gegenwart ebenso, wie für die Entwicklung der Produktgestaltung in der DDR.

Die Geschichte des Design in der DDR beginnt wenige Jahre nach dem Endes des Zweiten Weltkrieges. Angesichts der großen Zerstörungen und vieler Flüchtlinge war zunächst der Bedarf an grundlegenden Ausstattungsgegenständen für den Haushalt vordringlich, Geschirr, Möbel, Nähmaschinen, Kleinküchen. Die Produktion von einfachen und überlebensnotwendigen Konsumgütern prägte die erste Phase des Produktdesign in der DDR. In Vorfeld des Aufstandes vom 17. Juni 1953 wurde der "Neue Kurs" ausgerufen, dessen Kern eine Verbesserung der Lebensbedingungen war. Dies bedeutete eine Steigerung der Konsumgüterproduktion und in der Folge eine durchgreifende Modernisierung ihres Designs.

Das betraf jetzt auch Dinge, die eine Normalisierung der Lebensverhältnisse signalisierten, Unterhaltungselektronik, Freizeitartikel, elektrische Haushaltsgeräte. Diese Tendenz setzte sich in den 60er Jahren fort, als die DDR nach dem V. Parteitag der SED 1958 in eine direkte Konkurrenz zur Bundesrepublik treten wollte. Moderne Konsumgüter galten als Beweis der Überlegenheit des Sozialismus. Während des Neuen Ökonomischen Systems der 1960er Jahre erlangte die "Produktivkraft Kultur" , mithin auch die Gestalt der Produkte, ökonomische Bedeutung. Neben der Ausstattung der Haushalte galt das Augenmerk der Wirtschaftsplaner nun vor allem der Arbeits- und Umweltgestaltung. Dieses Feld stand ab den 1970er Jahren im Vordergrund der Designentwicklung in der DDR.

Beobachtern erschien die DDR an ihrem Ende grau, ihre Produkte veraltet und aufgrund ihres Aussehens als unattraktiv. Die verbreitete Hinwendung der Menschen zu westlichen Konsumgütern nach Öffnung der Grenzen verstärkte diese Betrachtungsweise noch. In der Tat war ein Teil der damals aktuellen Konsumgüterproduktion bereits Ende der 50er und in den 60er Jahren entwickelt worden. Mit dem zeitlichen Abstand von 20 Jahren zeigt sich ein differenziertes Bild: inmitten einer Vielzahl belangloser oder auch befremdlicher Gegenstände ragen einige aufgrund ihrer gelungenen gestalterischen Qualität heraus. Bei einer systematischen Suche innerhalb der Warenwelt der DDR wird schnell deutlich, dass vor allem zwischen Mitte der 50er und dem Beginn der 70er Jahre eine durchgreifende Modernisierung langlebiger Konsumgüter und einfacher Haushaltsgegenstände stattgefunden hat. Schreibmaschinen, Radios und Fernsehgeräte, Geschirr und Besteck, Stühle und Schränke waren Gegenstand einer aktiven Produktgestaltung, deren Erscheinungsbild den unmittelbaren Vergleich mit Konsumgütern des Westens herausfordert und deren Wandel historische Entwicklungsetappen verdeutlicht.

Industriedesign war Teil der Wirtschaftsplanung in der DDR. Bereits 1953 wurde das Institut für angewandte Kunst gegründet, das bei der Durchsetzung eines modernen Produktdesign in der Industrie eine zentrale Rolle spielen sollte. Hier entstand auch die einzige Fachzeitschrift für Design, form + zweck. Staatliche Designpolitik bedeutete auch eine öffentliche Propagierung des "guten Geschmacks" , etwa in der Zeitschrift "Kultur im Heim" seit 1957, durch Ausstellungen, staatliche Auszeichnungen für Qualitätsprodukte mit Prädikaten, Goldmedaillen der Leipziger Messe und schließlich dem Designpreis der DDR. Die Ausbildung von Formgestaltern, wie Designer in der DDR hießen, erfolgte an Fachschulen in Wismar/Heiligendamm und Schneeberg sowie an den Hochschulen in Dresden, Weimar, Halle-Burg Giebichenstein und Berlin-Weißensee. Sie entwickelten sich als eigenständige Berufsgruppe und schrittweise wurden die Absolvent/-innen der Hochschulen in die Entwicklungsabteilungen der Großbetriebe und Industriezweige vermittelt.

Neben der staatlichen Planung für eine designgestützte Konsumgüterproduktion war vor allem eine spezifische Produktphilosophie bemerkenswert, die Funktionalität und Langlebigkeit in den Vordergrund stellte. Dies war nicht nur eine ökonomische Notwendigkeit, sondern auch konsumpolitisches Programm der DDR gegenüber der Bundesrepublik. Design sollte nicht allein dem Kaufanreiz dienen, sondern eine "sozialistische Lebensweise" entwickeln helfen. Designpolitik gliedert sich hier in Gesellschaftspolitik ein. Gab es also ein spezifisches "DDR-Design" oder orientierte man sich an weltweiten Tendenzen, die man auf die DDR anwandte und für die Exportfähigkeit nach Westen nutzbar machen wollte? Die Widersprüche sind offensichtlich und bleiben noch näher zu untersuchen.

Angesichts staatlicher Einflussnahme auf die Produktgestaltung verwundert es nicht, dass auch die Formgestaltung Gegenstand kulturpolitischer Auseinandersetzungen in der DDR wurde. Mitte der 50er Jahre gerieten moderne Möbel unter "Funktionalismus" -Verdacht. Auf der V. Deutschen Kunstausstellung 1962 wurden neutral-weiße, zylindrische Vasen kritisiert, die Kulturfunktionäre für formlos und vor allem schädlich hielten. Auf diese Weise gerieten Alltagsprodukte in die öffentliche Aufmerksamkeit und wurden zu Insignien einer kritischen, unangepassten Haltung.

Die Ausstellung fragt nach den Hintergründen und Akteuren dieser Entwicklungen ebenso, wie nach technischen Innovationen, die die Produktwelt veränderten und nach gestalterischen Lösungen verlangten. Und sie fragt nach der Bedeutung der gestalteten Dinge im Alltag. Sie ist deshalb nicht nach Stilperioden geordnet, sondern nach Tätigkeiten wie Sitzen, Kochen, Essen, Arbeiten, Aufbewahren, Stapeln, Leuchten, Schreiben, Spielen.

Wir wissen nicht, ob die Gegenstände der Ausstellung einst bewusst als "Designobjekte" erworben wurden oder als normale Alltagsdinge. Einige von ihnen erforderten erheblichen Aufwand bei der Beschaffung, andere gehörten zum Grundbestand des Warenangebots in der DDR. Die meisten der gezeigten Gegenstände waren, teilweise über Jahrzehnte, im Alltagsgebrauch, sie wurden dem Museum als Gebrauchsgüter angeboten, während andere das Signum des Besonderen trugen. Allen gemeinsam ist, dass sie ihren Zweck erfüllten: sie funktionierten und gefielen.

Kofferradio Spatz
Werksentwurf
VEB Elektroakustik Hartmannsdorf, 1958

Isolierkanne
Werksentwurf, 1957
VEB Alfi Fischbach

Eimer, Polyethylen
Martin Kelm, um 1960
VEB Presswerk Tambach-Dietharz, um 1960

Handstaubsauger "Omega" HS 1060
Werksentwurf unter Mitarbeit von Hans Merz, 1950er Jahre
VEB Elektrowärme Altenburg

Diaprojektor Filius 4
Manfred Claus, 1961
VEB Pentacon Dresden, 1970er Jahre

Taschen-Transistorempfänger "Sternchen"
Werksentwurf, 1959
VEB Stern-Radio Berlin, 1960

Fischer dreikant sicherheitsschlüssel:
Dreikant-Sicherheitsschlüssel mit Kunststoff-Schaft
Ernst Fischer, 1960er Jahre
VVB EBM Karl-Marx-Stadt

Historische Wohnung

Standort des Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR ist Eisenhüttenstadt, eine „Neue Stadt“, erbaut als Wohnstadt für das Eisenhüttenkombinat Ost.

Die Stadt wurde in ihrer ursprünglichen Form in den Jahren 1951 bis 1963 errichtet und steht heute in wesentlichen Teilen unter Denkmalschutz

Der Bau von Eisenhüttenstadt (bis 1953: EKO-Wohnstadt, 1953 bis 1961 Stalinstadt) war ein Referenzprojekt, mit dem die DDR ihre städtebaulichen Vorstellungen (16 Grundsätze des Städtebaus, 1950) idealtypisch umsetzte. Vergleichbare Neue Städte im ehemaligen sowjetischen Einflussbereich sind Nowa Huta (Polen), Dunaujváros (Ungarn) und Dimitroffgrad (Bulgarien), alles sogenannte „Städte am Werk“, konzipiert in den späten 40er und frühen 50er Jahren. Später entstanden in der DDR als weitere Neue Städte Hoyerswerda, Schwedt und Halle-Neustadt. Wolfsburg, die vergleichbare Neue Stadt in der Bundesrepublik, war bereits zur Zeit des Nationalsozialismus als Wohnstadt für das Volkswagenwerk geplant worden und nahm seit den 50er Jahren eine völlig andere Gestalt an.

In Eisenhüttenstadt sollte die Vorstellung einer, auf das strukturbestimmende Eisenhüttenkombinat bezogenen kompakten, durchgrünten und mit allen wesentliche Versorgungseinrichtungen ausgestatteten „vollständigen Stadt“ verwirklicht werden. Der Ausstattungsgrad der Wohnungen war außerordentlich hoch, vor allem im Vergleich mit den Wohnbedingungen auf dem Lande und in vielen städtischen Altbaugebieten.

Während der 50er Jahre war Eisenhüttenstadt riesige Baustelle. Barackenlager für die bis zu 10.000 Bauarbeiter standen hier den modernen Wohnungen gegenüber.

Eine solche Wohnung aus dem Jahre 1957 wurde, orientiert am historischen Zustand bei ihrer Errichtung, rekonstruiert und eingerichtet. Hier sind die Wohnsituation, die zeitgenössische Ausstattung und Einrichtung anschaulich gemacht und Besucher können erste Informationen zur Stadtgeschichte einholen.

Historische Wohnung
Straße der Republik 29
Eisenhüttenstadt

(gegenüber Rathaus und Post)

auf Anfrage


Historische Wohnung

Historische Wohnung