Foto: Buchcover

Donnerstag, 23. November 2017, 18.00 Uhr


„Erich Honecker. Das Leben davor. 1912 - 1945“

Buchvorstellung mit dem Autor Prof. Dr. Martin Sabrow
(Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam)

– Eintritt 4 EUR, bis 18 Jahren frei  –


Nichts verkörpert den SED-Staat so sehr wie das maskenhafte Gesicht Erich Honeckers und dessen kommunistische Musterbiographie, die ihm der Parteiapparat maßschneiderte. Martin Sabrow zeigt auf der Grundlage zahl­reicher unbekannter Quellen, welche überraschenden Brüche und Nebenwege das Leben des saarländischen Jungkommunisten prägten.

Erich Honecker (1912–1994) war von frühester Kindheit an fest im kommunistischen Milieu des Saarlands verwurzelt, und doch war er als Teenager auch offen für neue Orientierung. Er fuhr nach Pommern, um Bauer zu werden, kehrte für eine Dachdeckerlehre in die Heimat zurück, studierte an der Parteihochschule in Moskau und ging 1933 in den Widerstand.

1935 musste der Jungfunktionär untertauchen. - Was machte er monatelang in Paris? Wie kam es zu seinem konspirativen Einsatz in Berlin und wie zu seiner Verhaftung? Von Rätseln umrankt war bisher auch, wie es Honecker gelang, wenige Wochen vor Kriegsende zu fliehen und bald darauf unbehelligt ins Gefängnis zurückzukehren. Die bahnbrechende Jugendbiographie des Revolutionärs und Überlebenskünstlers endet im Mai 1945, als Honecker eher zufällig Zugang zu Ulbricht fand und der Kaderabteilung seinen kommunistischen Lebenslauf einreichte, über den fortan die Partei wachte.

Sabrow zeichnet diese frühen Lebensstationen Honeckers erstmals detailliert nach. Zugleich gelingt es ihm, bestimmende Züge seines Charakters und Muster seines politischen Handelns aus solchen biographischen Bezügen zu erklären. So blieben die Bindung an seine saarländische Heimat, aber auch die Erfahrung von Not und einer versagten Kindheit in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg für ihn prägend. Als junger Kommunist erlebte er die Härte und Gewaltsamkeit der politischen Auseinandersetzung in der Weimarer Republik und vor allem im Nationalsozialismus. Kraft bezog er aus der ihm und seinen politischen Gefährten eigenen Erlösungshoffnung samt dem daran geknüpften Willen zur radikalen und - wenn es sein musste - rücksichtslosen Umgestaltung der überkommenen Verhältnisse. Verhärtete Feindbilder und das Misstrauen gegenüber anderen Gruppen oder Generationen blieben kennzeichnend für Honecker und all jene, die sich nach 1945 an die Spitze der „sozialistischen Neuordnung“ setzten.

Das „Volk“ war für Honecker eine unzuverlässige Masse, die der ständigen Aufklärung und der richtigen Lenkung bedurfte, um nicht immer wieder in die Irre zu gehen. Doch hielt sich Honecker zeitlebens von ideologischen Streitfragen fern. Aus seiner Feder floss kein einziger wegweisender Beitrag zur Weiterentwicklung des marxistisch-leninistischen Theoriegebäudes, und sein Verständnis von Politik kannte keine visionären Zukunftsplanungen. Stattdessen setzte er, wie er es einst im kommunistischen Milieu an der Saar gelernt hatte, auf praktische Politik statt auf theoretische Debatten. Sein politischer Pragmatismus war frei von ideologischer Berührungsscheu. Mit dieser Herangehensweise empfahl er sich nach 1945 zum Aufbau der vorgeblich überparteiliche FDJ, und sie ebnete ihm 1970/71 schließlich den Weg an die Spitze der DDR. Im Kampf um den Selbsterhalt des in die Defensive geratenen Realsozialismus zögerte er nicht, auch unorthodoxe Bündnisse einzugehen.

Auf der Basis zahlreicher neu recherchierter biographischer Fakten versteht es Sabrow, Zusammenhänge zu knüpfen, die sich bislang nicht erschlossen haben. Daneben bietet das Werk manch überraschenden Ausblick, etwa auf Honeckers enges Verhältnis zu Herbert Wehner oder seine Beteiligung an einem Terroranschlag.

Martin Sabrow ist Professor für Neueste Geschichte und Zeitgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin und Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung (ZZF) in Potsdam. Er hat zahlreiche Publikationen zur Geschichte der DDR vorgelegt.