Schlaglichter. Sammlungsgeschichten(n)

Das Kunstarchiv Beeskow im Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR Eisenhüttenstadt

28.1. - 17.4.2017 (verlängert bis 7.5.2017)

Die Sammlung des Kunstarchivs Beeskow kam 1994 zustande, als die im Auftrag von Parteien und Massenorganisationen entstandenen Kunstwerke durch die Treuhandanstalt eingesammelt und von den Ländern Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern in die Burg Beeskow gegeben wurden. Aus dem Bestand von ca. 15.300 Objekten wurden 70 Werke ausgewählt, die den Wandel der Auftragsbehandlung verdeutlichen. Waren die Menschenbilder der 1960er Jahre bei Edgar Klier, Paul Michaelis oder Walter Womacka noch vom erzieherischen Impetus des neuen sozialistischen Menschentypus charakterisiert, zeigt sich in der Malerei der 1980er Jahre vor allem ein kritisches Verhältnis zur Gesellschaft. Vor dem Hintergrund veränderter Welterfahrung dominieren in den Werken von Hubertus Giebe, Lutz Friedel oder Michael Hegewald Selbstbehauptung und Identitätsbestimmungen als Ausdruck eines realistischen Gesellschaftsverständnisses. Gänzlich eigene Wege sind im Bereich Druckgrafik und Zeichnungen erkennbar, wo neben den Altmeistern Tübke, Mattheuer oder Querner und dem Beherrschen klarer Raum- und Körpervorstellungen die Vielschichtigkeit der zeichnerischen Struktur eines Hanns Schimansky oder Carlfriedrich Claus mit expressiven, spontanen Zeichen innerer Erregung vertreten sind. Existenzielle Situationen verkörpern auch die Porträtplastiken der Bildhauer Fritz Cremer, Gustav Seitz und René Graetz, die unter Vermeidung übertriebenen gestischen Ausdrucks auf Verinnerlichung der Darstellung und behutsame Belebung der Oberflächen setzten.

Die Präsentation im Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR ist Bestandteil des vom dkw. Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus, dem Kunstarchiv Beeskow und dem Museum Junge Kunst Frankfurt (Oder) ausgerichteten Ausstellungsprojekts „Schlaglichter“ mit parallel durchgeführten Ausstellungen in Cottbus, Eisenhüttenstadt und Frankfurt (Oder).

Bei Vorlage einer Eintrittskarte zum regulären Preis gewähren die beiden anderen Museen während der Ausstellungslaufzeit den ermäßigten Preis. 

Zur den drei Ausstellungen, die von der Ostdeutschen Sparkassenstiftung gemeinsam mit der Sparkasse Spree-Neiße und der Sparkasse Oder-Spree gefördert werden, erscheint ein Katalog mit umfangreichem Bildmaterial.

Informationen außerdem unter: www.schlaglichter.net

 

 

Roland Borchers: Im Turm, 1984

Bogensee. Junge Kunst im Auftrag

Eine Initiative des Zentralrats der Freien Deutschen Jugend (FDJ)

Ausgewählte Bildwerke aus dem Bestand des Beeskower Kunstarchivs

19.3. - 28.8.2016 (verlängert bis 3.10.2016)

In den Jahren 1983-86 wurden zwischen dem FDJ-Zentralrat und den Kunsthochschulen der DDR vertragliche Regelungen zur "bildkünstlerischen Ausgestaltung" der FDJ-Jugendhochschule „Wilhelm Pieck“ am Bogensee bei Berlin getroffen. Demzufolge sollten Werke von jungen Künstlern, die im genannten Zeitraum ihren akademischen Abschluss erreichten, angekauft und zum Zweck der künstlerischen Ausgestaltung der Jugendhochschule eingesetzt werden. Bei den meisten der auf diesem Wege erworbenen Kunstwerken handelt es sich um bildnerische Äußerungen, die als Ausdruck des Zeitgeistes der an die Grenzen ihrer Existenzmöglichkeiten gekommenen DDR erkennbar sind. Sie stehen keinesfalls nur für die Verschönerung bestimmter Räume im Innen-  und Außenbereich, sondern provozieren über ihre ästhetische Gestaltung hinaus Einblicke in die gesellschaftliche Situation der 1980er Jahre in der DDR und das kritische oder unkritische Potenzial der jungen Künstler von damals.

Gezeigt werden 35 ausgewählte Arbeiten der Malerei und Grafik, darunter Werke von Roland Borchers, Neo Rauch oder Bodo Münzner. Zur Ausstellung erscheint ein Begleitheft mit Abbildungen der Exponate und einem Abriss der Geschichte der FDJ-Jugendhochschule Bogensee.      

Eine Ausstellung des Kunstarchivs Beeskow in Kooperation mit dem Forum Kunstarchiv Beeskow e.V.

Gefördert von der Sparkasse Oder-Spree und dem Landkreis Oder-Spree

Zur Ausstellung ist ein Begleitheft erschienen.

 

 

Horst Jurtz: Permer Bilderbogen (Ausschnitt)

Freizeit, Kunst & Lebensfreude.

DDR-Laienschaffen aus dem Kunstarchiv Beeskow                                                

7.11.2015 - 31.1.2016 

Das "Bildnerische Volkschaffen" erreichte als künstlerische Freizeitbeschäftigung breite Resonanz in der Bevölkerung der DDR. Staat und Kommunen, Gewerkschaft und Betriebe, Schulen und Hochschulen sowie die Jugend- und Frauenorganisation und der Kulturbund waren Träger dieser Bewegung und fungierten zugleich als Mittler der offiziellen Kulturpolitik. Die Arbeit in Zirkeln und von Einzelschaffenden der bildenden und angewandten Kunst gehörte zu einer finanziell begünstigten, aber auch ideologisch beeinflussten "Massenkultur".

Mit über 70 Werken aus der Sammlung des Kunstarchivs Beeskow dokumentiert die Ausstellung die Vielfalt der von den Amateuren bevorzugten Themen, darunter Landschafts- und Porträtmalerei, Darstellungen der Arbeitswelt, des Alltags sowie politischer Anliegen.

Die Ausstellung in Eisenhüttenstadt wird ausgerichtet vom Kunstarchiv Beeskow in Kooperation mit dem Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR.

 

 

Frank Höhler: Rathaus Eisenhüttenstadt

Heimat.LOS.Eisenhüttenstadt

Aktuelle Fotografien


1.8.2015 - 27.9.2015

Die Ausstellung zeigt Arbeiten von Frank Höhler (Dresden), Thomas Kläber (Kolkwitz), Georg Krause (Berlin) und Jürgen Matschie (Bautzen).

 

 

Foto: Christine Kisorsy

LUNIK. Fotografien von Christine Kisorsy

19.5.2015 - 17.7.2015

Hotels gehören zum gebauten Gedächtnis einer Stadt. Doch ihre Seele sind die Mitarbeiter, und ihre Geschichte ist immer mit den Menschen verbunden, die es zu dem gemacht haben, was es in der Erinnerung bleiben wird: Ein Mythos. Ein Hotel, das tief im kollektiven Bewusstsein der Stadt, in der es steht, und dem der ehemaligen Mitarbeiter verankert ist, ist das Hotel Lunik in Eisenhüttenstadt. Eröffnet 1963 als erstes Haus am Platze wurde es schnell zum gesellschaftlichen Mittelpunkt. Über 30 Jahre empfing das Hotel Gäste aus der ganzen Welt, die in seinen Zimmern nächtigten, im Restaurant speisten und sich in der Nachtbar vergnügten.  Das Hotel  steht noch immer in der Straße der Republik 35, doch das Gebäude, das heute eine Ruine ist, lässt den Luxus und Komfort von einst nur noch erahnen.

Im Zentrum der Ausstellung stehen Fotos des Hotels und seiner ehemaligen Mitarbeiter.  Siebzehn Portraits zeigen einen Querschnitt durch die Arbeitswelt des damaligen Hotels vom Direktor bis zum Hausmeister. Ihnen gegenübergestellt sind 17 Aufnahmen der ehemaligen Arbeitsplätze der Portraitierten.

Die Ausstellung folgt in ihrem Aufbau der inneren Ordnung eines Hotels und ist unterteilt nach Arbeitsbereichen: Verwaltung, Rezeption, Küche, Restaurant, Bar, Zimmer. In den ersten vier Ausstellungsräumen, die sich wie auf einem Hotelflur links und rechts der Hauptachse des Sonderausstellungsbereichs dem Besucher erschließen, befinden sich auf der einen Seite die Fotos der Mitarbeiter, auf der gegenüberliegenden Seite des Ganges sind entsprechend den Arbeitsbereichen Innen- und Außenaufnahmen des Hotels im Zustand von 2005 zu sehen.

Die Ausstellung wird abgeschlossen durch Standfotos aus dem Film LUNIK die zeigen, wie das Hotel als Kulisse für den Film bespielt wurde.

Der Einsatz von Schwarzweiß und Farbe als Stilmittel erzeugt einen ästhetischen Gegensatz des Alltags zu den inszenierten Bildern des Films. Die aus der Zeit der Nutzung des Gebäudes als Kinderkrippe stammenden Fenster wurden in die Dramaturgie der Ausstellung einbezogen. Sie geben entweder als verlängerte Sichtachsen den Blick frei oder verengen ihn, so als würde man durch den Sucher einer Kamera sehen.

 

 

Foto: Bernd Geller

ANKUNFT EISENHÜTTENSTADT. Eine Stadt gegründet von Zuzüglern - Zeitgeschichte in Lebensbildern -

8.11.2014 - 19.4.2015

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen. Dieser ist im Dokumentationszentrum gegen eine Schutzgebühr von 5 EUR erhältlich.

 

Die Wohnstadt des Eisenhüttenkombinats, von 1953 bis 1961 Stalinstadt und seitdem Eisenhüttenstadt genannt, entstand ab 1951 als Stadt von Zuwanderern. Dies bestimmte nicht nur ihre erste Aufbauphase, sondern formte auch in den folgenden Jahrzehnten maßgeblich ihren Charakter. Mit jedem industriellen Wachstumsschub stieg die Zahl der Neubürger.

Hoch war der Anteil der Flüchtlinge und Vertriebenen, die von Ostpreußen bis Oberschlesien kommend sich zunächst in anderen Teilen der Sowjetischen Besatzungszone niedergelassen hatten und dann nochmals wanderten. In den ersten Jahren der neuen Stadt machten sie bis zu einem Drittel der Zuzügler aus. Eine vergleichsweise kleine, jedoch besonders weitgereiste Gruppe bildeten Angehörige der deutschen Minderheit in der Sowjetunion, die teils nach sibirischer Verbannung in Eisenhüttenstadt eine neue Heimat fanden.

Das Gros der Zuwanderer aber war in den nunmehr zur DDR gehörenden Landesteilen Deutschlands geboren, also im Raum zwischen der Ostseeküste und dem Vogtland, wobei der Anteil der Sachsen besonders hoch ist.

Wie haben sich diese Menschen unterschiedlichster regionaler und sozialer Herkunft in der neuen Stadt eingelebt, welche prägenden biographischen Erfahrungen und welches „kulturelle Gepäck“ brachten sie in das neue Gemeinwesen ein ?

Diesen und weiteren Fragen geht die Ausstellung am Beispiel von 18 Bürgern nach, die zumeist während des Krieges oder in der Gründungsphase der DDR aufwuchsen und ab 1951 in der neuen Stadt verschiedene berufliche und persönliche Entwickungswege einschlugen.

Für die Schau wurden ausführliche lebensgeschichtliche Interviews geführt, von denen ausgewählte Passagen vorgestellt werden. Die Präsentation betrachtet damit Zeitgeschichte „von unten“, im Spiegel individueller Erinnerungen und anhand persönlicher Objekte. Die Exponate, die überwiegend noch nie zuvor öffentlich gezeigt wurden, eröffnen überraschende und persönliche Perspektiven auf historische Zusammenhänge.

Zu sehen sind Fotoalben, Briefe und private Objekte, die teils aus der alten Heimat mitgebracht wurden. Ein besonders rares Zeugnis bildet ein Kleinbildfilm, der einen Umzug mit dem Pferdefuhrwerk im Schatten neu errichteter Hochhaustürme dokumentiert und jenen Sprung in eine unbekannte Modernität und Urbanität, der die Ankunft in Eisenhüttenstadt für viele bedeutete, eindrucksvoll beleuchtet.

 

 

Das Versprechen: „Chemie gibt Brot, Wohlstand, Schönheit“. Protokollband der Chemiekonferenz 1958 in Leuna
Meladur-Geschirr, aus dem thüringischen Betrieb Isopress Rottenbach, 1960er Jahre
Der Katalog des Centrum-Versandhauses bewirbt die plastifizierte Warenwelt aus Meladur, Polystyrol und Polyethylen als Ausdruck einer modernen Lebensweise.

Alles aus Plaste. Versprechen und Gebrauch in der DDR

20.5.2012 - 31.12.2013

Ausstellungskatalog

Kunststoffe, in der DDR „Plaste“ genannt, gehören heute selbstverständlich in unseren Alltag, alles wird bevölkert von synthetischen Kleinigkeiten. Der Geschmack des Beiläufigen haftet ihnen an. Je besser sie funktionieren, desto weniger werden sie bemerkt.

In der DDR wurde aus den „Ersatzstoffen“ der Kriegs- und Nachkriegszeit ein Material der Träume, das eine Modernisierung unter sozialistischen Vorzeichen versprach. Auf der Chemiekonferenz von 1958 in Leuna wurde unter dem Motto „Chemie gibt Brot, Wohlstand, Schönheit“ der umfangreiche Ausbau der chemischen Industrie angekündigt: der Ausbau der Kunststoff- und Kunstfaserproduktion und die Umstellung von Karbid- auf die preisgünstigere und ressourcensparende erdölbasierte Chemie. Dazu wurde im selben Jahr der Bau einer über 5000 Kilometer langen Erdölpipeline von der Sowjetunion bis nach Schwedt vereinbart.

Auf die programmatische Einführung der Kunststoffe folgte die materielle Umwälzung in den privaten Haushalten. Frühe Kunststoffe wie Bakelit, PVC und die halbsynthetischen Werkstoffe Celluloid, Vulkanfiber und Kunsthorn wurden zunehmend durch die moderneren und vor allem farbigen Thermoplaste Polystyrol, Polyethylen und Polypropylen verdrängt. Die Ankunft der Plaste im Alltag brachte für die Konsumenten neue Produkte und neue Alltagsroutinen mit sich, aber auch die Gewöhnung und Enttäuschung über die uniforme Massenware.

Zwischen 1958 und 1960 widmeten sich Designer der Hochschule für industrielle Formgestaltung Halle – Burg Giebichenstein der Entwicklung von Gebrauchsgütern aus den neuen Werkstoffen. Auf diese Weise entstanden Gebrauchsartikel für den Haushalt und die kollektive Versorgung. Vom Entwurf über die Herstellung, den Gebrauch bis zur Entsorgung durchlaufen Kunststoffartikel einen eigenen Lebenslauf.

Hergestellt wurden Kunststoffartikel in über 800 plastverarbeitenden Betrieben, darunter vielen Privatbetrieben. In Folge des Chemieprogramms wurde die plastverarbeitende Industrie durch umfangreiche Investitionen modernisiert, es entstanden auch Neugründungen wie etwa in Schwerin und Staaken. Die Verstaatlichungswelle von 1972 setzte der privaten Plastindustrie in der DDR dann ein jähes Ende. Nach dem Ende der DDR gelang einigen Betrieben durch Reprivatisierung oder die Übername durch Investoren ein Neubeginn.

Die Vorstellung eines flächendeckend plastifizierten Landes prägt noch heute unseren Blick auf den Alltag der DDR, und sie erscheint angesichts der Produktwelt aus Plast durchaus gerechtfertigt.

Die Ausstellung fragt nach dem innovativen Potential der Kunststoffe, dem durch sie ausgelösten materiellen Wandel der Warenwelt, nach ihrer politisch gewünschten Aufwertung und Verbreitung im Alltag sowie den vielen Produzenten, die unter den Bedingungen der Planwirtschaft Kunststoffe verarbeiteten. Sie rückt die Materialität der Dingwelt in den Fokus und macht die Vielfalt der Plastikwelt sichtbar.

Kofferradio Spatz, Werksentwurf VEB Elektroakustik Hartmannsdorf, 1958
Isolierkanne Werksentwurf, VEB Alfi Fischbach 1957
Eimer, Polyethylen, Entwurf Martin Kelm, um 1960, VEB Presswerk Tambach-Dietharz
Handstaubsauger "Omega" HS 1060, Werksentwurf unter Mitarbeit von Hans Merz, 1950er Jahre, VEB Elektrowärme Altenburg
Diaprojektor Filius 4, Entwurf Manfred Claus, 1961, VEB Pentacon Dresden, 1970er Jahre
Taschen-Transistorempfänger "Sternchen", Werksentwurf, VEB Stern-Radio Berlin, 1960
Dreikant-Sicherheitsschlüssel mit Kunststoff-Schaft, Entwurf Ernst Fischer, 1960er Jahre, VVB EBM Karl-Marx-Stadt (alle Fotos: A. Ludwig)

Alltagsdinge. Formgestaltung in der DDR

Mai 2011 bis Mai 2012 im Dokumentationszentrum

 

Der Titel der Ausstellung sagt, worum es geht: einfache Dinge des Alltags, landläufige Konsumgüter sind Gegenstand eines professionellen Produktdesigns und waren in der DDR seit den frühen 50er Jahren Teil einer offiziellen Kulturpolitik unter der Maßgabe der Entwicklung einer "sozialistischen Lebensweise" . Alltagsdinge unterliegen deshalb künstlerischer Gestaltung ebenso, wie sie in einer komplexen Lebenswelt entstehen und wirken.

Die Ausstellung zeigt Gegenstände, die in der Designentwicklung der DDR vielfach besprochen wurden und inzwischen ihren Platz in der Designgeschichte gefunden haben. Zugleich verweist der Titel "Alltagsdinge" auf die Dimension der Ausstattung einer Gesellschaft mit Gütern des täglichen Gebrauchs. Im Vordergrund steht ihre Funktionalität, aber auch ihre Verfügbarkeit. Man könnte diesen Aspekt auch unter den Begriff der Annehmlichkeiten des modernen Lebens fassen, gerade im Hinblick auf die in der Ausstellung verhandelte Zeit einer "europäischen Nachkriegsmoderne" seit den 50er Jahren. Zugleich wurde und wird immer wieder neu verhandelt, was "modern" ist, welche Form angemessen und welche reines "Dekor" ist. Dies gilt für die Gegenwart ebenso, wie für die Entwicklung der Produktgestaltung in der DDR.

Die Geschichte des Design in der DDR beginnt wenige Jahre nach dem Endes des Zweiten Weltkrieges. Angesichts der großen Zerstörungen und vieler Flüchtlinge war zunächst der Bedarf an grundlegenden Ausstattungsgegenständen für den Haushalt vordringlich, Geschirr, Möbel, Nähmaschinen, Kleinküchen. Die Produktion von einfachen und überlebensnotwendigen Konsumgütern prägte die erste Phase des Produktdesign in der DDR. In Vorfeld des Aufstandes vom 17. Juni 1953 wurde der "Neue Kurs" ausgerufen, dessen Kern eine Verbesserung der Lebensbedingungen war. Dies bedeutete eine Steigerung der Konsumgüterproduktion und in der Folge eine durchgreifende Modernisierung ihres Designs.

Das betraf jetzt auch Dinge, die eine Normalisierung der Lebensverhältnisse signalisierten: Unterhaltungselektronik, Freizeitartikel, elektrische Haushaltsgeräte. Diese Tendenz setzte sich in den 60er Jahren fort, als die DDR nach dem V. Parteitag der SED 1958 in eine direkte Konkurrenz zur Bundesrepublik treten wollte. Moderne Konsumgüter galten als Beweis der Überlegenheit des Sozialismus. Während des Neuen Ökonomischen Systems der 1960er Jahre erlangte die "Produktivkraft Kultur", mithin auch die Gestalt der Produkte, ökonomische Bedeutung. Neben der Ausstattung der Haushalte galt das Augenmerk der Wirtschaftsplaner nun vor allem der Arbeits- und Umweltgestaltung. Dieses Feld stand ab den 1970er Jahren im Vordergrund der Designentwicklung in der DDR.

Beobachtern erschien die DDR an ihrem Ende grau, ihre Produkte veraltet und aufgrund ihres Aussehens als unattraktiv. Die verbreitete Hinwendung der Menschen zu westlichen Konsumgütern nach Öffnung der Grenzen verstärkte diese Betrachtungsweise noch. In der Tat war ein Teil der damals aktuellen Konsumgüterproduktion bereits Ende der 50er und in den 60er Jahren entwickelt worden. Mit dem zeitlichen Abstand von 20 Jahren zeigt sich ein differenziertes Bild: inmitten einer Vielzahl belangloser oder auch befremdlicher Gegenstände ragen einige aufgrund ihrer gelungenen gestalterischen Qualität heraus. Bei einer systematischen Suche innerhalb der Warenwelt der DDR wird schnell deutlich, dass vor allem zwischen Mitte der 50er und dem Beginn der 70er Jahre eine durchgreifende Modernisierung langlebiger Konsumgüter und einfacher Haushaltsgegenstände stattgefunden hat. Schreibmaschinen, Radios und Fernsehgeräte, Geschirr und Besteck, Stühle und Schränke waren Gegenstand einer aktiven Produktgestaltung, deren Erscheinungsbild den unmittelbaren Vergleich mit Konsumgütern des Westens herausfordert und deren Wandel historische Entwicklungsetappen verdeutlicht.

Industriedesign war Teil der Wirtschaftsplanung in der DDR. Bereits 1953 wurde das Institut für angewandte Kunst gegründet, das bei der Durchsetzung eines modernen Produktdesign in der Industrie eine zentrale Rolle spielen sollte. Hier entstand auch die einzige Fachzeitschrift für Design, form + zweck. Staatliche Designpolitik bedeutete auch eine öffentliche Propagierung des "guten Geschmacks", etwa in der Zeitschrift "Kultur im Heim" seit 1957, durch Ausstellungen, staatliche Auszeichnungen für Qualitätsprodukte mit Prädikaten, Goldmedaillen der Leipziger Messe und schließlich dem Designpreis der DDR. Die Ausbildung von Formgestaltern, wie Designer in der DDR hießen, erfolgte an Fachschulen in Wismar/Heiligendamm und Schneeberg sowie an den Hochschulen in Dresden, Weimar, Halle-Burg Giebichenstein und Berlin-Weißensee. Sie entwickelten sich als eigenständige Berufsgruppe und schrittweise wurden die Absolvent/-innen der Hochschulen in die Entwicklungsabteilungen der Großbetriebe und Industriezweige vermittelt.

Neben der staatlichen Planung für eine designgestützte Konsumgüterproduktion war vor allem eine spezifische Produktphilosophie bemerkenswert, die Funktionalität und Langlebigkeit in den Vordergrund stellte. Dies war nicht nur eine ökonomische Notwendigkeit, sondern auch konsumpolitisches Programm der DDR gegenüber der Bundesrepublik. Design sollte nicht allein dem Kaufanreiz dienen, sondern eine "sozialistische Lebensweise" entwickeln helfen. Designpolitik gliedert sich hier in Gesellschaftspolitik ein. Gab es also ein spezifisches "DDR-Design" oder orientierte man sich an weltweiten Tendenzen, die man auf die DDR anwandte und für die Exportfähigkeit nach Westen nutzbar machen wollte? Die Widersprüche sind offensichtlich und bleiben noch näher zu untersuchen.

Angesichts staatlicher Einflussnahme auf die Produktgestaltung verwundert es nicht, dass auch die Formgestaltung Gegenstand kulturpolitischer Auseinandersetzungen in der DDR wurde. Mitte der 50er Jahre gerieten moderne Möbel unter "Funktionalismus" -Verdacht. Auf der V. Deutschen Kunstausstellung 1962 wurden neutral-weiße, zylindrische Vasen kritisiert, die Kulturfunktionäre für formlos und vor allem schädlich hielten. Auf diese Weise gerieten Alltagsprodukte in die öffentliche Aufmerksamkeit und wurden zu Insignien einer kritischen, unangepassten Haltung.

Die Ausstellung fragt nach den Hintergründen und Akteuren dieser Entwicklungen ebenso, wie nach technischen Innovationen, die die Produktwelt veränderten und nach gestalterischen Lösungen verlangten. Und sie fragt nach der Bedeutung der gestalteten Dinge im Alltag. Sie ist deshalb nicht nach Stilperioden geordnet, sondern nach Tätigkeiten wie Sitzen, Kochen, Essen, Arbeiten, Aufbewahren, Stapeln, Leuchten, Schreiben, Spielen.

Wir wissen nicht, ob die Gegenstände der Ausstellung einst bewusst als "Designobjekte" erworben wurden oder als normale Alltagsdinge. Einige von ihnen erforderten erheblichen Aufwand bei der Beschaffung, andere gehörten zum Grundbestand des Warenangebots in der DDR. Die meisten der gezeigten Gegenstände waren, teilweise über Jahrzehnte, im Alltagsgebrauch, sie wurden dem Museum als Gebrauchsgüter angeboten, während andere das Signum des Besonderen trugen. Allen gemeinsam ist, dass sie ihren Zweck erfüllten: sie funktionierten und gefielen.

 

Foto: Karl-Robert-Schütze
Foto: Karl-Robert-Schütze
Foto:Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR
Foto:Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR
Foto:Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR

Aufgehobene Dinge. Ein Frauenleben in Ost-Berlin

2010/2011 im Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR und im Heimatmuseum/Galerie Falkensee

 

Ausstellungskatalog

Im Jahre 2004 starb Frau P., Sekretärin in Ost-Berlin. Ihre Einzimmerwohnung im Stadtteil Karlshorst war fast komplett mit Koffern und Kartons gefüllt, die sie in Regalen stapelte. Darin waren die Besitztümer aufbewahrt, wohlgeordnet und zugleich unüberschaubar. Nun ist daraus eine Ausstellung entstanden.
Frau P. war eine gewissenhafte Frau, die Ihren Besitz ebenso sorgfältig verwahrte und katalogisierte, wie ihr eigenes Leben. Gekaufte Dinge, berufliche und private Unterlagen, oftmals mit kurzen Notizen über die jeweiligen Umstände versehen.
Schwerpunkt der Ausstellung sind die Hinterlassenschaften von Frau P., verbunden mit der Frage, warum sie angeschafft und bewahrt wurden.

Von den insgesamt 4800 Objekten, die das Dokumentationszentrum aus dem Nachlass erhielt, sind die meisten kaum oder gar nicht benutzt worden. Hüte, Mützen, Schals und Tücher, Schuhe und Schmuck, Handschuhe und Taschentücher sowie zahlreiche Taschen, Täschchen, Portemonnaies und Etuis bilden den Kern eines Besitzes persönlicher Accessoires. Frau P. verfügte über einen umfangreichen Besitz an Tischdecken, Platzdeckchen, Untersetzern, Schälchen, kleinen Dosen und kunstgewerblichen Gegenständen aller Art, die die Ausstattung eines großen Hauses bürgerlichen Zuschnitts ohne weiteres ermöglicht hätten. Im Nachlass finden sich auch Dutzende von Mappen mit Briefpapier, Grußkarten, Schreibblöcke, Notizhefte, Büromaterial, Fotoalben und andere Papierwaren, die nicht benutzt und nicht gefüllt sind.

Seit 1937 war Frau P. als Sekretärin berufstätig, ab 1950 in einem staatlichen Exportbetrieb. Aus zahlreichen Dokumenten lässt sich ihr Verhältnis zur Arbeit und ihre Stellung im Betrieb rekonstruieren, ebenso wie die privaten Lebensumstände. Aus vielen Details wird auch deutlich, wie der Lebenslauf von Frau P. mit der Zeitgeschichte verflochten ist: im Beruf mit den besonderen Umständen des Arbeitslebens in der DDR konfrontiert und von ihnen auch profitierend, im Privaten immer auch nach dem Westen orientiert, wo die Schwester lebte, von der sie durch den Bau der Berliner Mauer im Jahre 1961 getrennt war. In der Ausstellung wird dieser zeitgeschichtliche Kontext, versteckt in den Dingen, immer wieder zum Vorschein kommen.

Der Nachlass von Frau P. macht zunächst ratlos. Allein die Zahl der Dinge, die Frau P. angeschafft hat, deutet auf eine Obsession, Dinge ihres Gefallens besitzen und um sich herum versammeln zu wollen. Die Dinge gehörten zu ihr und zu ihrem Haus. Sind sie eine Repräsentation 'typisch weiblicher' Sammlungen? Wollte sich Frau P. auf ein 'bürgerliches Leben' vorbereiten, mit großem Haus und angemessenem persönlichen Auftritt? Wollte sie sich belohnen, indem sie Dinge Ihres Gefallens kaufte und mit nach Hause trug? Wollte sie sich mit Dingen umgeben, die sie als zugehörig zu Ihrer Persönlichkeit empfand? Auf je mehr Erklärungsansätze man stößt, je deutlicher wird, dass eine eindeutige Interpretation nicht möglich sein wird. Es ist diese Mischung aus Erstaunen und Ratlosigkeit, die auch die Ausstellung bestimmt. Es stellt sich immer wieder die Frage nach dem Verstehen dieser Ansammlung.

gefördert durch:




Leihgaben mit freundlicher Unterstützung von Dr. Karl-Robert Schütze und dem Deutschen Technikmuseum Berlin

 

 

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Alle Fotos: Rüdiger Südhoff

"Leben in der DDR". Alltagskultur und Gesellschaft in zehn Kapiteln

Das Dokumentationszentrum zeigte als Dauerausstellung zwischen 2001 und 2011 die Ausstellung "Leben in der DDR".

Sie gibt einen Überblick über Geschichte und Alltagskultur. In zehn Kapiteln werden unterschiedliche Aspekte der DDR-Gesellschaft dargestellt und politische, wirtschaftliche und soziale Fragen angesprochen.

Politik als Rahmenbedingung der DDR-Gesellschaft wird auf den Grundlagen der Politisierung des alltäglichen Lebens durch Massenorganisationen, des Kalten Krieges und der staatlichen Symbolik zum Thema gemacht.

Eng verbunden damit ist die besondere Aufmerksamkeit der DDR für Erziehung und Bildung, die die Bevölkerung konsequent von der Krippe bis zum Erwachsenenalter beruflich wie sozial auf die Anforderungen des Staates und der Gesellschaft vorbereiten sollte. Ein eigener Raum weist eigens auf die ehemalige Nutzung des Museumsgebäudes als Kinderkrippe hin.

In der deutsch-deutschen Systemkonkurrenz spielte der Vergleich der Lebensverhältnisse eine besondere Rolle. Hierauf wird am Beispiel der Sozialpolitik verwiesen, die staatlicherseits durch Preissubventionen, Wohnungsbau und Frauen- bzw. Familienförderung, aber auch durch eine unterschiedliche Organisation der Sozialversicherung charakterisiert war.

Die Besonderheiten der Wirtschaftsentwicklung in der DDR werden am Beispiel der vier großen Kombinate des Oderraums - Schwedt, Frankfurt (Oder), Eisenhüttenstadt, Guben - gezeigt. Typischen Produktgruppen der DDR-Industrie - Chemie, Mikroelektronik und "Konsumgüterproduktion" - ist ein eigener Raum gewidmet.

Die konkreten Lebensverhältnisse werden unter anderem durch Einkommen und die Möglichkeiten des Konsums beurteilt. Ost- und Westgeld, Preissubventionen, Warenknappheit, "Bückware", aber auch Anreize zu vermehrter Arbeit durch Auszeichnungen sind Themen dieses Bereichs alltäglichen Lebens. Ein "Dorfkonsum" zeigt die Vielfalt der täglichen Warenwelt.

Die DDR durchlief in den vierzig Jahren ihres Bestehens eine Entwicklung, die den Vergleich der Generation, mit anderen Ländern und Gesellschaften provoziert. In der Ausstellung werden prägende Ereignisse, die Weltjugendfestspiele 1951 und 1973 in Berlin, Fotografien der "Aufbaugeneration" und der Jugend in den 80er Jahren, sowie eine "Chronologie des Alltags" durch vierzig Jahres-Objekte gezeigt. Filme und Tondokumente ergänzen die Objekte aus 40 Jahren ostdeutscher Geschichte.

Die Ausstellung beruhte auf dem Prinzip des Kommunikationsanlasses und begleitete die Besucher aus Ost- und Westdeutschland als Grundlage für gegenseitiges Kennenlernen und gemeinsame Gespräche.

 

 




(Foto: A. Ludwig)

1989 - Ein Jahr des Umbruchs und der Hoffnung

2009/2010 im Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR und in der Zitadelle Spandau, Berlin


Die Zeit von 1989 bis 1990 umfasst wie im Zeitraffer öffentliche Ereignisse und individuelle Erlebnisse und Perspektiven, die Gegenstand einer Ausstellung im Eisenhüttenstädter "Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR" sind.
Binnen einer Spanne von nur wenig mehr als einem Jahr - von den Wahlen im Mai 1989 bis zur Währungsunion am 1. Juli 1990 - hat sich im Osten Deutschlands eine politische und gesellschaftliche Situation entwickelt, die von einer verbreiteten Stagnation in der DDR zur deutschen Einheit führte.

Im Rückblick ist die Erinnerung an diese Zeit auf wenige Ereignisse fokussiert, besonders die Leipziger Montagsdemonstrationen im Oktober 1989 oder die Öffnung der Berlin Mauer am 9. November 1989. Aber diese Fokussierung spiegelt nicht annähernd die Komplexität der damaligen Situation. Für heutige Betrachter, vor allem junge Menschen, muss das Bild der friedlichen Revolution und der Demokratiebewegung in der DDR deshalb fremd wirken und ein Verständnis scheint am besten über einen Zugang über individuelle Zeugnisse möglich.

Die Ausstellung "1989 - Ein Jahr des Umbruchs und der Hoffnung" stellt zehn autobiographische Erzählungen in den Mittelpunkt. Sie beschreiben jede für sich eine individuelle Sichtweise und Rückblende auf die Zeit des Mauerfalls. Die Erzählungen gehen teils weit zurück bis in die 60er Jahre und sind eng verbunden mit der Lebenswelt der Autorinnen und Autoren aus Berlin und Brandenburg, aus Ost- und West.

Die Geschichten berichten von Flugblättern gegen den Mauerbau, der inneren Auflösung in einem DDR-Betrieb, der Ankunft der ersten Westler in einer Gaststätte, dem Befremden an der geöffneten Grenze, der ersten in West-Berlin gekauften Punk-Platte, den Veränderungen in einem Seniorenheim und dem politischen Aufbruch einer Familie.

Die Ausstellung stellt die Erzählungen, die im Rahmen des Zeitzeugenpreises Berlin-Brandenburg entstanden sind, in einen weiterreichenden zeitgeschichtlichen Kontext und zeigt neben individuellen Zeugnissen zahlreiche Fotografien von Christian Borchert, Udo Hesse, Jürgen Nagel, Nelly Rau-Häring, Joachim Richau, Karl-Heinz Rothenberger und anderen, dazu Plakate, Flugblätter und Zeitungen.

Die Ausstellung entstand in Kooperation mit dem Zeitzeugenpreis Berlin-Brandenburg und dem Stadtgeschichtlichen Museum Spandau sowie mit Unterstützung des Archiv für Kunst und Geschichte (akg-images), des Deutschen Rundfunkarchivs Potsdam-Babelsberg, der Robert-Havemann-Gesellschaft und mit Förderung von Kulturland Brandenburg 2009 "Freiheit, Gleichheit, Brandenburg" und der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung.

Zur Ausstellung ist die Publikation mit den besten Geschichten des Zeitzeugenpreises Berlin-Brandenburg erhältlich:
Johann-Friedrich Huffmann (Hg.): Das Jahr, in dem die Mauer fiel. 20 Jahre Mauerfall - Zeitzeugen erinnern sich. Anthologie zum Zeitzeugenpreis 2009; Berlin: Frieling-Verlag

Für die Unterstützung der Ausstellung danken wir:

Broschüre des Reisebüros Berlin: "Frei vom Alltag", 1958
Werbedia, um 1950
Ausweis für Leiter von Ferienlagern
Urlauberschiffe. Publikation des Feriendienstes des FDGB
Sommerlager für Jugendliche
Umschlagseite einer Publikation des Verlags Volk & Welt

sich ausruhen. Freizeit und Urlaub in der DDR

Ausstellung 15. März bis 13. September 2009

Freie Zeit – das ist die Voraussetzung für Freizeit und Urlaub!

Wie in allen anderen Industriegesellschaften nach dem Zweiten Weltkrieg, nahm auch in der DDR die arbeitsfreie Zeit in den vierzig Jahren ihres Bestehens zu: tägliche Freizeit nach Feierabend, das freie Wochenende und schließlich Urlaub sind die Themen, denen die Sonderausstellung „sich ausruhen. Freizeit und Urlaub in der DDR“ nachgeht.

Ausgangspunkt ist die Frage nach der Entstehung von freier Zeit und das Verhältnis von freizeithemmenden und freizeitfördernden Faktoren. Einerseits nahm freie Zeit zu, durch Arbeitszeitverkürzungen, die 5-Tage-Woche und technische Innovationen im Haushalt. Andererseits wurden diese Zuwächse durch „Zeitfresser“ außerhalb der Arbeitszeit wieder verbraucht, durch Arbeitswege, Schlange stehen, Hausarbeit, „gesellschaftliche Tätigkeit“. Die freie Zeit, die am Ende tatsächlich zur Verfügung stand, wurde in der DDR überaus vielfältig genutzt. Es wurde gebastelt, gelesen und gesammelt. Man trieb Sport, besuchte kulturelle Veranstaltungen und die verschiedensten „Zirkel“, fuhr in Urlaub oder tat schlichtweg gar nichts.

Der Feierabend gehörte der Familie, den Hobbys oder dem Fernseher, wenn nicht die zahlreichen Angebote der Massenorganisationen wahrgenommen wurden, die organisiert und kollektiv »sinnvolle Freizeitgestaltung« versprachen. Das freie Wochenende, seit Mitte der 60er Jahre auf zwei Tage ausgeweitet, war Ausflügen, Hobbys, Basteln am Auto oder dem eigenen Garten gewidmet. Auch stand ein ausgebautes Netz an Naherholungsgebieten zur Verfügung.

Der Urlaub sollte ein selbstverständlicher, sozialpolitisch begründeter Teil der „sozialistischen“ Gesellschaft werden, so jedenfalls die Vorstellungen der frühen 50er Jahre. Ab den 60er Jahren aber entwickelte sich in den „schönsten Wochen des Jahres“ in der DDR – nahezu zeitgleich wie in den westlichen Ländern – ein Massentourismus, weil erzieherische Konzepte von Urlaub nicht gegriffen hatten. Die DDR-Bürger reisten organisiert mit dem Feriendienst des FDGB oder sie verbrachten ihre Urlaubstage in „Ferienobjekten“ der Betriebe. „Reisebüro der DDR“ und FDJ-eigener „Jugendtourist“ boten Reisen ins sozialistische Ausland an und die Kinder verbrachten die Sommerferien im Ferienlager. Alternativen waren entspannte Tage in der Gartenlaube oder auch „Urlaub auf Balkonien“, zunehmend beliebter wurde der privat organisierte Campingurlaub.

Die Organisation von Ferienlagern für Kinder und die Verantwortlichkeit der Gewerkschaften für den Erholungsurlaub der „Werktätigen“ bereits ab 1946 und 1947 zeigen die sozial- und gesellschaftspolitische Intention, die der Verantwortlichkeit „des Staates“ in der Sowjetischen Besatzungszone und ab 1949 der DDR zugrunde lag. Die Vorstellungen von Freizeit und Urlaub erhielten damit eine DDR-spezifische Ausprägung, die auf eine soziale Versorgung als Teil der sozialistischen Gesellschaft zielte. Damit war auch ein erzieherisches Moment zu einem vernünftigen, eben „sozialistischen“ Freizeitverhalten verbunden, das jedoch mit der zunehmenden Konsumorientierung immer weniger griff. Der Erholungsurlaub der Werktätigen wurde zum Massentourismus.

Gerade bei Freizeit und Urlaub zeigt die DDR damit auch ihr Gesicht als moderne Industriegesellschaft. Ähnlichkeiten zum Westen sind beim Massentourismus und bei bevorzugten Urlaubsformen unübersehbar. Die Unterschiede sind aber gleichfalls deutlich: die Parallelität privater und staatlicherseits angebotener Formen von Freizeit- und Urlaubsgestaltung, die Subventionierung der staatlichen Angebote, die weitgehende Beschränkung der Reiseziele auf die DDR und die übrigen Länder des Ostblocks.

Besonders prägend war der Einfluss des Staates auf die Freizeitgestaltung. Sie war Teil des offiziellen sozialpolitischen Programms der DDR und sollte ein Baustein der „sozialistischen Lebensweise“ sein. So reichte die staatliche Einflussnahme von der Organisation der „Gartensparte“ über Angebote organisierter Freizeit in Zirkeln und Arbeitsgemeinschaften bis hin zur Organisation des Urlaubs.

Und doch standen private und staatliche Vorstellungen über Freizeit und ihre Gestaltung in einem ständigen Spannungsverhältnis: Nichts Tun als Erholung wurde lange Zeit nicht gern gesehen, organisierte „aktive Erholung“ im Kollektiv dagegen propagiert. Doch die Wünsche und Vorstellungen der Bevölkerung orientierten sich oftmals nicht an diesen Vorgaben. Erst in den 70er Jahren wurde nach langen Prozessen des Aushandelns offiziell akzeptiert, was sich im Leben durchgesetzt hatte: freie Zeit als Zeit der Muße und individuellen Erholung.

Die Ausstellung zeigt mit zahlreichen Objekten die unterschiedlichen Aspekte der „freien Zeit“ und ihre geschichtlichen Entwicklung in der DDR. Über die Entstehung von immer mehr „freier Zeit“ spannt sie den Bogen vom Feierabend über das Wochenende bis zum Urlaub und stellt die unterschiedlichen Akteure, Formen und Ziele vor. „sich ausruhen“ – der Titel verweist auf den eigentlichen Sinn von Freizeit und Urlaub.

In Kooperation mit
Wir danken für finanzielle Förderung
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"Keine Konkurrenz in dem Sinne ..." Werbung in der DDR

Ausstellung 2007/2008 im Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR und im Westsächsischen Textilmuseum Crimmitschau

 

Werbung in der DDR ist Werbung in einer Planwirtschaft. Macht sie dort überhaupt Sinn? Der Titel der Ausstellung „Keine Konkurrenz in dem Sinne…“ stammt aus einem Interview mit einem ostdeutschen Werbegestalter und nimmt die Ausgangsfrage der Ausstellung auf.

Werbung wurde gemacht, weil man sich präsentieren wollte und nicht, um gegen Konkurrenten auf dem Markt anzutreten. Die DDR war eher von einem Mangel an Konsumgütern geprägt, als durch Überfluss. Die Verstaatlichung privater Betriebe bis 1972 und die Bildung großer Kombinate bewirkten, dass immer weniger Auswahl zwischen verschiedenen Produkten bestand und Werbung zunehmend sinnlos wurde. Versorgung oder Konsum – in diesem Gegensatz musste Werbung in der DDR bestehen.

Werbung war im Grunde genommen überflüssig, aber sie bestand dennoch. In der Nachkriegszeit gab es aufgrund des allgemeinen Mangels so gut wie keine Werbung. Erst mit den „Neuen Kurs“ vom Juni 1953, der unter anderem eine Steigerung der Produktion von Konsumgütern vorsah, entstand wieder vermehrt Werbung und binnen weniger Jahre entwickelte sich ein neuer Stil, der durch das „Neue Ökonomische System“ verstärkt wurde, das die DDR-Wirtschaft stärker auf ökonomische Anreize orientieren wollte, unter anderem den individuellen Konsum. Somit bilden die späten 50er und die 60er Jahre den Höhepunkt des Werbeschaffens in der DDR. In den 70er Jahren ging die Produktwerbung für den Binnenmarkt dagegen stark zurück, bis sie fast zum Erliegen kam. Die Ausstellung nimmt diese Veränderungen in Form einer „Werbechronologie“ auf.

Geworben wurde für den Binnenhandel, den Außenhandel, für gesellschaftliche Anliegen und für Politik.

Im Binnenhandel standen Produkte für den täglichen Bedarf und für neu entwickelte Konsumgüter im Vordergrund und auch die beiden großen Handelsorganisationen, die staatliche HO und die Konsumgenossenschaften, warben. Nirgends war die DDR so schön wie auf ihren Plakaten. Werbung konnte die Realität der Eintönigkeit des Warenangebots und der Käuferschlangen nicht überdecken, aber sie wollte das, was verfügbar war, präsentieren, bis hin zur „Bedarfslenkung“.

Geworben wurde für die unterschiedlichsten Produkte. In der Ausstellung wird eine Auswahl in einigen „Produktbiographien“ vorgestellt. Zu sehen sind Kosmetika und Zahlenlotto, Haushaltsgeräte und Versicherungen, Lebensmittel und Bekleidung und vieles andere mehr.

Ganz anders war die Werbung für den Außenhandel. Plakate, Werbegeschenke und die Ausstattung der Leipziger Messe zeigen in der Ausstellung den Kontrast zur Werbung für den Binnenmarkt.

Zunehmend gewann die sogenannte gesellschaftliche Werbung an Bedeutung. Obwohl Werbung nie ohne gesellschaftlichen Bezug ist, wurde in der DDR für allgemeine gesellschaftliche und politische Ziele und für angestrebte Verhaltensnormen geworben. Gerade in den 1970er und 80er Jahren entstand so ein eigener Werbebereich, der auch die für die DDR typische Verflechtung von Politik, Staat und Wirtschaft zeigt.

Geworben wurde in der DDR auf Plakaten und mittels Anzeigen, durch gedruckte Produktinformationen vom Faltblatt bis hin zur Verpackung, durch „Blickfänge“ in den Geschäften, durch Fassadenwerbung und zeitweise auch im Fernsehen und in Kinos. Aus heutiger Sicher erscheint Werbung in der DDR zurückhaltend, es fehlten die großflächigen Plakatwände ebenso, wie Werbebeilagen in Zeitungen. Die Ausstellung zeigt eine Übersicht über die in der DDR genutzten Werbemittel. Sie informiert darüber hinaus über die „Macher“, von der SED-eigenen DEWAG bis zu freiberuflichen Werbegestaltern.

 

Die Ausstellung wurde gefördert von der Sparkasse Oder-Spree und der Stahlstiftung Eisenhüttenstadt in Kooperation mit dem Deutschen Rundfunkarchiv Potsdam-Babelsberg und dem Firmenhistorischen Archiv der Allianz AG.

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Katalog zur Ausstellung
Altes Konsum-Signet
Neues Konsum-Signet
Konsumbaracke
Kaufhalle in Hoyerswerda
Kinderspeisekarte

KONSUM – Konsumgenossenschaften in der DDR

Ausstellung 2006/2007 im Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR, in Cottbus-Branitz und Chemnitz

Katalog zur Ausstellung:
Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR (Hrsg.):
KONSUM. Konsumgenossenschaften in der DDR, Böhlau-Verlag 2006, 204 S., zahlr., teils farbige Abb., 19,90 Euro
ISBN 3-412-09406-4

Mit dem Befehl 176 der Sowjetischen Militäradministration wurden am 18. Dezember 1945 die Konsumgenossenschaften in der Sowjetischen Besatzungszone wiederhergestellt. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich bereits 33 Konsumgenossenschaften seit Kriegsende wiedergegründet, nachdem die konsumgenossenschaftliche Organisation durch die Nationalsozialisten in den dreißiger Jahren zerschlagen worden war. Die Konsumgenossenschaften wuchsen in der DDR zur drittgrößten „Massenorganisation“ mit 4,6 Millionen Mitgliedern heran und leisteten durchschnittlich etwa ein Drittel des Einzelhandelsumsatzes.

Die Konsumgenossenschaften, kurz Konsum genannt, sollten zunächst einen nicht in Privathand befindlichen Handelsapparat aufbauen, um die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln und Gütern des täglichen Bedarfs zu sichern. Dazu wurden sie von der Sowjetischen Militäradministration auch bevorzug mit Waren beliefert, und solange die Rationierung von Gütern anhielt, hatte der Konsum in erster Linie eine Verteilungsfunktion. Zugleich erwuchs ihr mit der staatlichen Handelsorganisation (HO) ab 1948 ein Konkurrent, der dann eine zunehmende staatliche Förderung erfuhr. 1952/53 wurden die Schwerpunkte der jeweiligen Handelstätigkeit festgelegt und der Konsum erhielt die vorrangige Aufgabe, die Versorgung ländlicher Gebiete zu organisieren. In den folgenden Jahren wurde daher ein flächendeckendes System von Verkaufsstellen und Dorfgaststätten etabliert. Mit Entstehen der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) 1953 übernahm der Konsum verstärkt deren Versorgung. 1961 befanden sich knapp 24 000 Verkaufsstellen und beinahe alle der etwa 6000 Konsum-Gaststätten auf dem Lande.

Aufgabe des Konsum blieb die „stabile und kontinuierliche Versorgung der Bevölkerung“, aber zugleich kam es zu einer durchgreifenden Modernisierung des Handelsnetzes. 1956 wurde der erste Selbstbedienungsladen nach westlichem Vorbild eröffnet, Ende 1961 waren es trotz fehlender Verpackungen schon über 10 000. In den 60er Jahren erfolgte eine weitere Rationalisierung durch Sortimentstypen und eine Spezialisierung der Fachgeschäfte in den Städten. Hier wurden dann ab Ende der 60er Jahre auch die ersten Kaufhallen (Supermärkte) errichtet, deren Pendant auf dem Lande die Ländlichen Einkaufszentren (LEZ) waren.

1961 wurde der konsumgenossenschaftliche Versandhandel als Teil eines „komplexen Systems der Landversorgung“ gegründet (das Versandhaus der HO in Leipzig bestand bereits seit 1958). Das Versandhaus in Karl-Marx-Stadt erreichte Hunderttausende von Kunden, immer stärker nicht nur auf dem Land, und versorgte sie mit Kleidung, Möbeln und Konsumgütern. Unter dem Dach des Zentralen Unternehmens „konsument“ wurde das Versandhaus mit den größten Konsum-Warenhäusern und der konsumgenossenschaftlichen Bekleidungs- und Möbelindustrie zusammengefaßt. Als der Versandhandel 1975 aufgrund der unzureichenden Warendecke eingestellt wurde, verstaatlichte man zugleich die mit ihm verbundenen Bekleidungsbetriebe und bei „konsument“ verblieben die Warenhäuser, dessen bekanntestes das am Leipziger Brühl war.

Die große Mehrzahl der etwa 1500 Konsum-Betriebe waren Bäckereien und Fleischereien. Sie stellen 1958 ein Viertel der Backwaren und mehr als ein Drittel der Fleischwaren in der DDR her. Daneben bestanden konsumgenossenschaftliche Betriebe vor allem in den Bereichen Lebensmittelindustrie (Teigwaren, Gewürze, Nährmittel, Süßwaren, Getränke) und   Haushaltswaren (Seife, Streichhölzer, Bürsten), die teilweise führend in ihren Industriezweigen waren. Das Produktionsprofil verweist auf die traditionellen und nach 1945 wieder aufgenommenen Schwerpunkte des Konsum, die Konzentration auf Grundbedürfnisse.

Dieser Versorgungsaspekt bemaß sich in der DDR zunächst nach der Versorgungslage, mit teilweise bis 1958 noch rationierten Gütern, aber auch später noch teilweise knappen Gütern und Rohstoffen. Hinzu kam der geringe Stellenwert der Konsumgüterindustrie und die unklare Stellung des Handels im politischen und Wirtschaftssystem der DDR: sollte er lediglich am Bedarf orientiert versorgen, oder gab es eine „sozialistische Konsumgesellschaft“? Der Konsum war in diesem Sinne ein Spiegelbild der DDR-Entwicklung zwischen Schlangestehen nach Engpaßwaren und Modernisierung der Geschäfte, zwischen „Dorfkonsum“ und Warenhaus.

Gab es so etwas wie eine Konsum-Identität? Durch ihre Einlage von 50 Mark war ein Drittel aller DDR-Haushalte Mitglied einer Konsumgenossenschaft und profitierte von den jährlichen vorweihnachtlichen Rückvergütungen. Rund 200 000 Mitglieder arbeiteten ehrenamtlich in den Organen der Konsumgenossenschaften, den Verkaufsstellenausschüssen, Revisionskommissionen, Vorständen, Beiräten und als Delegierte mit. 1946 betrachtete die SED die Konsumgenossenschaften als „Grundschulen für die politische Erziehung der Frauen“. Zugleich wird behauptet, der Konsum habe sich ab Ende der 50er Jahre nicht mehr von der HO unterschieden.

Im Einigungsvertrag von 1990 wurden die Konsumgenossenschaften schlicht vergessen, so dass viele Konsumgenossenschaften in eigentumsrechtliche und damit auch in wirtschaftliche Schwierigkeiten gerieten. Flächendeckend ist der KONSUM heute in den neuen Bundesländern nicht mehr präsent. Gleichwohl ist vieles an wirtschaftlicher Tätigkeit  erhalten geblieben. Heute gibt es noch 15 Konsumgenossenschaften und weitere genossenschaftliche Unternehmen. Dazu gehören z.B. die Röstfein GmbH Magdeburg (Rondo, Mona) oder auch die Bürstenmann GmbH in Stützengrün.

Die Ausstellung des Dokumentationszentrums zeigt die Entwicklung des KONSUM in vierzig Jahren DDR durch zahlreiche Objekte und Fotografien und stellt seine Entwicklung erstmals in einer breiten Übersicht dar. Gezeigt werden die Formen des Handels, vom Dorfkonsum bis hin zum konsumgenossenschaftlichen Versandhaus, und die wichtigsten der zahlreichen Produktionsbetriebe.

Die Ausstellung wurde mit Hilfe zahlreicher Leihgeber und Unterstützer realisiert.

Besondere Förderung erfuhr das Projekt durch den Konsumverband eG.

Finanzielle Unterstützung erhielt das Projekt von der Beauftragten des Bundes für Kultur und Medien, dem Landkreis Oder-Spree und von privater Seite. In Cottbus wird die Ausstellung unterstützt von Galeria Kaufhof.

Altbauviertel in Berlin-Prenzlauer Berg, 80er Jahre
Industrieller Wohnungsbau in Berlin-Mahrzahn, 80er Jahre
„Leipzig 3-1“, eine typische Schrankwand der 70er Jahre
Kunststoffmöbel „Variopur“, hergestellt vom Petrolchemischen Kombinat Schwedt
Versuchsbau Wohnungsbautyp P 2, 1962
Montagesystem Deutsche Werkstätten (MDW), 1968

"Wohnen im System". Wohnkultur in der DDR in den 1970er und 1980er Jahren

Ausstellung 2006/2007 im Dokumentationszentrum

Was machte das Besondere des Wohnens in der DDR aus? Eine Antwort wird vielschichtig ausfallen, je nach der Perspektive des Betrachters. In der vierzigjährigen Geschichte der DDR sind mehrere Phasen des Wohnungs- und Städtebaus, der Entwicklung von Wohnvorstellungen, der Möbelproduktion und der Stilentwicklung festzustellen. Ab Mitte der 50er Jahre erfolgte schrittweise der Durchbruch zur Moderne und der Übergang zum industriellen Wohnungsbau, eine Tendenz, die Mitte der 60er Jahre einen ersten Höhepunkt fand. Aufgrund des anhalten Wohnungsmangels wurden ab den 70er Jahren vermehrt Wohnungen gebaut und das Wohnungsbauprogramm von 1973 bedeutete den Übergang zur großen Serie mit wenigen Bautypen, vornehmlich in Satellitenstädten. Dieser Übergang zur großen Serie vollzog sich auch in der Möbelproduktion, die einseitig auf die Ausstattung der nun entstehenden Neubauwohnungen ausgerichtet war. Zugleich verfielen die Altstädte zunehmend und für jeden sichtbar, aber dennoch vollzog sich in den 80er Jahren eine Rückkehr zum Wohnen im Altbau, auch wenn die Neubauwohnung weiterhin erstrebenswertes Ziel vieler Familien blieb. Die in den 70er Jahren vorherrschende Politik der Wohnraumversorgung blieb bestehen, aber die Tendenz zur Uniformität wurde in den 80er Jahren intensiver wahrgenommen. Sie drückte sich in einer Stilvielfalt aus und der Suche nach alternativen Wohnformen aus. Aber der bedrückende Verfall der Städte und Häuser war auch einer der Gründe für die friedliche Revolution vom Herbst 1989. Mit zwei Ausstellungen über die „Wohnkultur in der DDR“ will das Dokumentationszentrum diese Entwicklung nachvollziehen.

„Wohnen im System – Die Wohnkultur in der DDR in den 70er und 80er Jahren" verfolgt die Entwicklung der Wohnkultur unter dem Zeichen des industrialisierten Wohnungsbaus. Der Titel bezieht sich auf diese normprägende Ausrichtung auf die Neubauwohnung und das Neubaugebiet ebenso, wie auf die damit verbundenen Vorstellungen von einer „sozialistischen Lebensweise“. Wohnen wurde, wie schon zuvor, nicht als Frage des individuellen Geschmacks und der persönlichen Entscheidung interpretiert, sondern als Teil der Gesellschaft, deren Planung und Gestaltung die SED zu bestimmen suchte. Mit dem Wohnungsbauprogramm von 1973 sollte die „Wohnungsfrage“ zumindest quantitativ bis 1990 gelöst sein; „Jedem eine Wohnung, aber (noch) nicht jedem seine Wohnung“ lautete die Losung. „Wohnen im System“ bezieht sich daher auch auf die Voraussetzungen, unter denen sich in der DDR eine eigene Wohnkultur entwickelte.

Die Ausstellung setzt mit den späten sechziger Jahren ein. 1968 wurde das Montagesystem Deutsche Werkstätten (MDW) vorgestellt, das einen entscheidenden Schritt zum universellen, modularen Möbelsystem darstellte. Aus einzelnen Bauteilen konnte der Nutzer Möbel nach eigenen Vorstellungen zusammenstellen und selbst montieren. „Nicht 100 Typen in einer Variante, sondern ein Typ in hundert Varianten“ lautete die Maxime für das Montagesystem. Durchgesetzt hat sich jedoch ab den 70er Jahren die Schrankwand, der „vor die Wand gestellte Stauraum“, eben jene kritisierten „100 Typen einer Variante“, von denen die Ausstellung ebenfalls einige Beispiele zeigt. Bedingt war diese Entwicklung durch den Möbelhandel, der komplette „Wände“ verkaufen wollte, und die industrialisierte Möbelindustrie, die eben nur diese Typen - und insgesamt in zu geringer Mengen – produzierte.  Die Schrankwand entsprach den Grundrissen der industriell gefertigten Wohnungen, vor allem der Typen P 2 (ab 1965) und WBS 70 (ab 1973), die möglichst optimal auszunutzen waren und sie schien lange alternativlos. Aber die mit ihr verbundene Monotonie forderte Kritik heraus, die sich bereits in der ersten Hälfte der 70er Jahre in zahlreichen Einrichtungsvorschlägen mit einer Mischung aus Alt und Neu zeigte. Die Zeitschrift „Kultur im Heim“ gab nun nicht mehr den „richtigen“ Weg der Wohnungseinrichtung vor, sondern präsentierte alternative Vorschläge als Anregung zur individuellen Gestaltung der Wohnung. Die Privatheit des Wohnens wurde wieder stärker akzeptiert. Die planerischen Vorannahmen des Wohnungsbaus, 2-Generationen-Familie, Berufstätigkeit der Eltern, Essen in Gemeinschaftseinrichtungen, wurden ab Mitte der 80er Jahre zunehmend kritisch hinterfragt. Damit wurde auch in der Öffentlichkeit nachvollzogen, was sich bereits längst durchgesetzt hatte: eine Vielfalt der Lebensstile und Nutzerinteressen, die sich mit den in der DDR gegebenen Rahmenbedingungen zu arrangieren hatten.

Die Ausstellung zeigt die Wohnkultur dieser Jahre, repräsentiert durch Möbel und Accessoires, und ergänzt durch eine Übersicht über Architektur und Städtebau. Über die individuelle Perspektive des Wohnens indes gibt es nur wenige Quellen und die Besucher werden gebeten, hierzu durch Fotografien und Berichte beizutragen.

 

 

Wie wohnen? Institut für angewandte Kunst, Berlin, 1961
Reformküche, späte fünfziger Jahre
Komplettierungsfähige Anbaumöbel Typ 602, VEB Deutsche Werkstätten Hellerau, 1957
Montagemöbelsatz Typ 314 „Sibylle“, 1961 VEB Möbelwerk Stralsund

„Die wachsende Wohnung“ - Wohnkultur in der DDR der 50er und 60er Jahre

Ausstellung 2005/2006 im Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR und in Prora/Rügen

Was machte das Besondere des Wohnens in der DDR aus? Eine Antwort wird vielschichtig ausfallen, je nach der Perspektive des Betrachters. Ein Blick auf die Möbelproduktion zeigt in den fünfziger und sechziger Jahren Möbel, die von denen im Westen kaum unterscheidbar sind. „Gelsenkirchener Barock“, Nierentisch, skandinavischer Einfluss, Leitermöbel und Schleiflack mögen als erste chronologische Hinweise auf diese Zeit dienen. Wohnen in der DDR war zugleich maßgeblich durch die Verfügbarkeit von Wohnraum bestimmt, den Schwerpunkten des Wohnungsbaus und der für jede Wohnung notwendigen Wohnungszuweisung.

Wohn-„Kultur“ – dieser Ausstellungstitel verweist auf den normativen Anspruch des Staates, die Erziehung zum guten Geschmack, vor allem in den fünfziger und sechziger Jahren. Während die Frauenzeitschrift „Sybille“ eine Serie von Einrichtungsvorschlägen noch zurückhaltend mit „Eine Wohnung – meine Wohnung“ betitelte, gingen Wohnungsratsgeber weiter: “Wie wohnen“ hieß eine Broschüre des Instituts für angewandte Kunst Ende der fünfziger Jahre, „Richtig wohnen“ ein an Kiosken verkauftes Magazin Ende der sechziger. Wohnen war damit nicht allein Privatsache, sondern bedeutete aus der offiziellen Perspektive zugleich immer auch gesellschaftliches Bewusstsein.

Die Ausstellung gliedert sich in zwei Teile, deren erster die Zeit der fünfziger und frühen sechziger Jahre umfasst, der zweite die Zeit ab Mitte der Sechziger bis zum Ende der DDR.

„Die wachsende Wohnung“ heißt der erste Teil der Ausstellung. Sie bezieht ihren Titel auf ein Programm komplettierungsfähiger Anbaumöbel, das Bruno Paul bereits 1937 entwickelt hatte und das in den ersten Jahren der DDR immer noch produziert wurde. Die Ausstellung zeigt drei Wohnzimmereinrichtungen: das in den frühen fünfziger Jahren dominierende, aus Einzelmöbeln bestehende repräsentative Wohnzimmer, die ab 1956 auch offiziell durchgesetzten komplettierungsfähigen Anbaumöbel mit der Serie 602 der deutschen Werkstätten Hellerau sowie, Anfang der sechziger Jahre, erstmals „hochmoderne“ Möbel, das Leitersystem „Sibylle“. Zu sehen ist die Veränderung der Küche von der Wohn- zur Arbeitsküche in dieser Zeit inklusive ihrer Ausstattung, sowie ein typisches Schlafzimmer. Ergänzend sind Accessoires wie Stoffe, Lampen, Wanduhren, Radios und Raumschmuck zu sehen.

Hintergrund für diese Präsentation sind die Jahre des Wiederaufbaus der kriegszerstörten Städte und Dörfer, erster Neubauprogramme auf Grundlage von Typenserien für Wohnhäuser, die in den Städten ab 1950 zum Tragen kamen, sowie die ab 1955 geplante Industrialisierung des Wohnungsbaus. In dieser Zeit konzentrierte sich der Wohnungsbau auf industrielle Entwicklungszentren, unter anderem die neuen Planstädte Eisenhüttenstadt und Hoyerswerda. Die Ausstellung gibt Informationen zu diesem städtebaulichen und architektonischen Kontexten.

 

Alle Fotos: Friedrich Weimer
Sammlung Sütterlin, Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR

 

 

Wanderausstellung "Fenster zur Welt"

Der Verlag Volk und Welt und die Zensur internationaler Literatur in der DDR

Der 1947 gegründete Verlag Volk und Welt war der „Leitverlag“ für ausländische Literatur in der DDR. Er publizierte mehr als 3000 Titel, darunter die Werke von 43 Nobelpreisträgern. Für die DDR-Bürger bedeutete er, vor dem Hintergrund mangelnder Reisemöglichkeiten, ein literarisches „Fenster zur Welt“.

Die Ausstellung informiert über das Büchermachen in der DDR und die oftmals intensiven Auseinandersetzungen um literarische Werke, deren Erscheinen in der DDR durchgesetzt werden sollte.

Die Wanderausstellung können Sie hier ansehen

Die Ausstellung „Fenster zur Welt“ war 2005 und 2006 an folgenden Orten zu sehen:

Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam, Bibliothek

Vertretung des Landes Sachsen-Anhalt beim Bund, Berlin

Universität Münster, Universitätsbibliothek

Gerhart-Hauptmann-Museum, Erkner

Staatsarchiv Leipzig

Stadtbibliothek Duisburg

In Verbindung mit der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur

und in Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt.

Gefördert durch die Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung.

Bücherkarren auf der Herbstmesse 1958, Photo: Susanne König Archiv Akademie der Künste, Berlin-Brandenburg
Fred Wander: Doppeltes Antlitz. Pariser Impressionen, Berlin 1966, Umschlag: Lothar Reher
Zimmer der Träume, Umschlag: Hans-Joachim Petzak, Photographik: Ulrich Lindner

Europa im Kopf - Der Verlag Volk und Welt in der DDR

Ausstellung 2003 bis 2005 im Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR und in der Gedenkstätte Marienborn im Rahmen von Kulturland Brandenburg 2003 "Europa"

Ausstellungskatalog

Für die meisten DDR-Bürger war Europa vor allem ein (Wunsch-)Bild des Westens, geprägt durch die Medien und durch Erzählungen von Verwandten oder Bekannten. Doch auch die osteuropäischen Länder konnten nicht von jedem und zu jeder Zeit erkundet werden. Komplizierte Einreisebedingungen standen zwischen dem großen »Freundesland«, den Volksdemokratien und den reisewilligen DDR-Bürgern. So gehörte das Ausland nur selten zur unmittelbaren Erfahrung, aber dennoch entstand ein Bild. Geprägt hat es über vierzig Jahre hinweg maßgeblich der Berliner Verlag Volk und Welt, der größte und wichtigste Belletristikverlag der DDR für internationale Literatur.

Diese Verlagsgeschichte steht im Mittelpunkt der Ausstellung „Europa im Kopf“. Sie fragt nach der kulturellen Bedeutung der Volk und Welt-Literatur und ihrem Beitrag zur Rezeption Europas in der DDR. Mit der Herausgabe von Autoren wie Louis Aragon bis zu Arnold Zweig gestaltete der Verlag ein vielfältiges Buchprogramm, das kulturell und sprachlich auf der Höhe der Zeit war.

Zu den Besonderheiten des Verlages gehörten auch jene Bücher, die versuchten unmittelbar ein Bild des jeweiligen Landes zu zeichnen. Dazu zählen die Erkundungen, der Volk-und-Welt Report oder die Bild-Text-Bände. Sie zeigen ein weltoffenes Selbstverständnis, aber gleichzeitig auch die Einschränkungen, denen der Verlag unterworfen war. Denn nicht alle Themen sollten der Öffentlichkeit präsentiert werden.

Buchgestalter und Illustratoren wie Werner Klemke, Lothar Reher oder Ulrich Lindner brachten dem Verlag die begehrten Auszeichnungen »Schönste Bücher« sowie »Schönste Schutzumschläge« ein.

Ausgehend von den Büchern des Verlages Volk und Welt zeigt die Ausstellung Zusammenhänge des „Leselandes DDR“ und europäischer Vorstellungswelten.

»Europa im Kopf« porträtiert europäische Länder aus Ost und West, vor allem mittels Bücher, Zeitungen und Zeitschriften. Zu sehen sind ebenso ausgewählte Photos aus dem Verlagsleben, Autorenbriefwechsel, Originale der Buchgestaltung und Werbematerialien.

Das Volk und Welt Bucharchiv, ein umfangreicher Bestand des Dokumentationszentrums Alltagskultur der DDR, wird mit dieser Ausstellung erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt.

Aus der Ausstellung wurde die Wanderausstellung "Fenster zur Welt" entwickelt.

Eine Bilbiographie der Publikationen des Verlags Volk & Welt von 1990 bis 2001 können Sie hier herunterladen.

 

Für die Unterstützung der Ausstellung danken wir:

1953 – ein Jahr in Politik und Alltag

Ausstellung 2003 im Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR

 

Rund um die Debatten um den Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953 zeigte das Dokumentationszentrum eine Ausstellung, die sich der Kontexte dieses bedeutenden Ereignisses widmet - den im Jahresverlauf erkennbar werdenden langfristigen politischen, sozialen, kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklungen des Jahres 1953.

1953 erscheint in der historischen Sicht ein Gelenkjahr für die Entwicklung in der DDR. Mit dem 17. Juni endeten alle Hoffnungen auf eine gerechtere und humane Gesellschaft in der DDR und zugleich wurde deutlich, dass das Projekt einer sozialistischen Gesellschaft mit den bis dahin geübten Praxen nicht durchsetzbar war. In den Blick genommen wurde in der Ausstellung der Verlauf eines ganzen Jahres, um Ereignisse gleichermaßen wie langfristige Entwicklungen aufzuspüren und in Beziehung zu setzen, die longue durée der geschichtlichen, gesellschaftlichen und sozialen Entwicklung, die im Spannungsverhältnis zur Dramatik des historischen Ereignisses des Volksaufstandes im Gegensatz steht.

Die Ausstellung gab mittels Fotografien, Presseberichten und Objekten Einblicke in die Politik, die wirtschaftlichen, sozialen und gesellschaftlichen Entwicklungen des Jahres, berichtet über Kultur und Architektur, über Konsumgüter und Personenkult.

Die Ausstellung wurde gefördert durch die Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und die Kooperation mit dem Deutschen Rundfunkarchiv Potsdam-Babelsberg.

Zur begleitenden Publikation zur Ausstellung clicken sie bitte für Teil 1 hier und hier für Teil 2. Sie wurde finanziell ermöglicht durch die Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung.

 

 

"Im Blick der Massen" – Plakate in der DDR

Ausstellung 2002/2003 im Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR, in der Kulturgießerei Schöneiche und im Landtag Brandenburg

 

Plakate waren ab dem Ende des 19. Jahrhunderts eine Form öffentlicher Anzeige und dienten zumeist der Werbung für Produkte und Veranstaltungen. Obwohl sie schon früh auch Künstler als Ausdrucksform interessierten, blieben sie doch ganz wesentlich an kommerziellen Zielen orientiert. Plakate aus der DDR zu präsentieren, erscheint deshalb zunächst irritierend, sollte doch gerade hier das Konkurrenzsystem und die Kommerzialisierung der Gesellschaft überwunden werden. Plakate sollten jetzt vor allem aufklärend wirken - und in der Tat ging das traditionelle Werbeplakat in seiner Bedeutung schnell zurück. Dafür rückten andere Formen in den Vordergrund: das politische Plakat zu propagandistischen Zwecken, das Wirtschaftsplakat im Sinne der Produktionspropaganda, Veranstaltungsplakate gewannen durch ihre künstlerische Qualität, vor allem ab den späten fünfziger Jahren, eine zunehmende Bedeutung. Das Plakat fand öffentliche Aufmerksamkeit durch die seit 1965 jährlich stattfindenden Wettbewerbe „Beste Plakate“. Museen legten Plakatsammlungen auch zur DDR-Entwicklung an. Der Verlag für Agitations- und Anschauungsmittel verlegte Bildmappen mit Plakaten und Mitte der siebziger Jahre begann für Jugendliche als Zielgruppe die Produktion von Postern, vor allem in Form der Reproduktion von Kunstwerken, Landschafts- und Städtemotiven, historischen Fahrzeugen, Musikgruppen, aber auch politischen Motiven.

Das Plakat als Medium der öffentlichen Kommunikation in der DDR bleibt schwer zu beurteilen. Entstanden einerseits hervorragende Plakate als künstlerische Leistung, so fehlte die für das Plakat notwendige Konkurrenz der Aussagen und Aufforderungen.

Stand das Plakat tatsächlich „Im Blick der Massen“? Die Ausstellung gab mit rund 70 Plakaten einen Überblick über die Entwicklung in den einzelnen Jahrzehnten des Plakatschaffens in der DDR, ergänzt durch das politische Plakat und das Konsumplakat. Ein eigener Raum ist den Verwendungszwecken gewidmet, der auf das Plakat als Kommunikationsmedium hinweist und sie in ihrem Umfeld zeigt.

Zur Ausstellung ist eine ausführliche Lehrerbegleitinformation erschienen. Eine PDF können Sie hier herunterladen.

 

 




(alle Fotos: R. Südhoff)

abc des Ostens. 26 Objektgeschichten

Ausstellung 2001 bis 2009 im Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR, im Westsächsischen Textilmuseum Crimmitschau, im Kreuzberg-Museum Berlin, auf Prora/Rügen, im Hoffmann von Fallersleben-Museum, Wolfsburg-Fallersleben, im Stadtmuseum Prenzlau, in den Industriemuseen Bergisch-Gladbach und Engelskirchen sowie im Stadtmuseum Reutlingen.

Ausstellungskatalog

Objekte haben es in sich - nämlich ihre eigene Geschichte, die ihres Gebrauchs, ihrer Gestaltung, Herstellung, Benutzung und schließlich ihres Vergehens auf dem Müllhaufen der Geschichte. Im Museum kommen sie zu neuen Ehren, weil sie Geschichte erzählen können, weil einem bei ihrer Betrachtung Geschichten einfallen mögen, die längst verschüttet schienen.

Die Ausstellung "abc des Ostens" erzählt solche Objektgeschichten, für jeden Buchstaben des Alphabets eine:

A wie Alfi-Aluminium
B wie der beirette-Fotoapparat
C wie Colditz-Geschirr
D wie Diamant-Fahrrad
E wie Erika-Schreibmaschine
F wie Florena Creme
G wie Gemol-Waschmittel
H wie Heiko-Schulfüller
I wie das Ines-Fernsehgeräte
J wie Jenaer Glas
K wie die Komet-Küchenmaschine
L wie Litera-Schallplatten
M wie Malimo-Textilien
N wie die Neue Juwel-Zigarette
O wie ORWO
P wie Piko-Spielzeug
Q wie der QL-Querlüfter
R wie Rondo-Kaffee
S wie Stern-Recorder
T wie Trolli-Rasenmäher
U wie Rönsch-Unimix
V wie Veritas-Nähmaschinen
W wie der Wolypryla-Kunstfaserwolle
X eine wenig überraschende Überraschung
Y wie Yvette intim
Z wie Zekiwa-Kinderwagen

Die Ausstellung zeigt für jeden Buchstaben des Alphabets einen Alltagsgegenstand, entfaltet an ihm mit jeweils unterschiedlichen Schwerpunkten Aspekte der Sozial- und Kulturgeschichte, der Wirtschaftspolitik, der Werbung und des Gebrauchs: Die Schreibmaschine Erika als mobiles Büro, Malimo als ingenieurtechnische Bereicherung des textilen Massenangebots, Colditzer Geschirr als Zeichen für die industrielle Massenproduktion, ein Stabsauber namens Martina als Beispiel für geschlechtsspezifische Erziehung durch Spielzeug, Wolpryla als "wolliges Wunder der Chemie" - alle waren Teil der Lebenswelt in der DDR. So steht hinter jedem Objekt, so bekannt oder auch unscheinbar es sein mag, eine eigene Geschichte. Viele Dinge sind inzwischen aus dem alltäglichen Gebrauch verschwunden, andere werden wieder hergestellt.

Die ausgewählten Objekte bieten eine breite Übersicht über die Produktkultur der DDR und vermitteln vom einzelnen Gegenstand ausgehend Einblicke in Geschichte und Gebrauch der Dinge. Mit mehr als 500 Exponaten ist auch Gelegenheit, sich einen Überblick über Entwicklung und Vielfalt von Typen, Formen und Farben zu verschaffen.

Das Museumsobjekt wird dabei Ausgangspunkt einer "kleinen Kulturgeschichte des Alltags" sein, die auf vergnügliche Weise über so unterschiedliche Dimensionen wie Design, Nutzung und Produktion, über Kontexte, Phantasien und Erfahrungen erzählt, abwechslungsreich und je nach Objekt ganz unterschiedlich - eine Art Probebohrung, die unter die Oberfläche der Geschichte vordringen will.

 

 

Das Kollektiv bin ich. Utopie und Alltag in der DDR

Ausstellung 2000/2001 im Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR und im Willy-Brandt-Haus Berlin

Ausstellungskatalog

Im Blick auf das Jahr 2000 wurde, nimmt man den öffentlichen Diskurs zum Maßstab, eher von einer utopielosen Zeit gesprochen, apokalyptische Vorstellungen vom Zusammenbruch der Computersysteme schienen gegenüber Vorstellungen von einer Entwicklung nach dem Millennium im Vordergrund zu stehen. Zur Jahrhundertwende 1900 dagegen konkurrierten Fortschrittserwartungen mit dem Lebensgefühl des fin de siècle und es bestand ein deutliches Bewusstsein einer Zeitenwende. Utopie und Zukunftserwartung erweisen sich damit als zeitbezogen und wandelbar.

Das Dokumentationszentrum Alltagskultur stellte in seiner Ausstellung den „Traum nach vorwärts“ - eine Umschreibung des Begriffs Utopie von Ernst Bloch - Utopien und Zukunftsvorstellungen in der DDR in historische, gesellschaftliche und soziale Kontexte.

Utopie als eine Form der Kritik an bestehenden Verhältnissen, deren Veränderung zwar undurchführbar erscheint, aber als Gedanke wirkungsmächtig ist, Zukunftsvorstellungen dagegen als konkret benennbare und auch potentiell erreichbare Ziele, die mit Erwartungen an die Machbarkeit besserer Zustände verknüpft ist, waren zwei Seiten des Themas.

Die Ausstellung zeigte fünf Biographien aus der DDR, die in unterschiedlicher Weise utopische Komponenten aufwiesen: den Sänger Gerhard Gundermann, die Eisbärdompteuse Ursula Böttcher, den Hobbyfilmer Ernst Süß, die Schriftstellerin Brigitte Reimann und den Funktionär Frank Donszinsky.

 

 

Fortschritt, Norm und Eigensinn. Erkundungen im Alltag der DDR

Ausstellung im Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR 1999/2000

Ausstellungskatalog

Was kann der Alltag über die Geschichte eines Landes aussagen? Ist er nur buntes Beiwerk oder der lebensweltliche Aspekt „großer Geschichte“? Die Perspektive der Alltagskultur könnte ein Bindeglied zwischen politischer Geschichte, gesellschaftlichen Funktionsmechanismen und individueller Erfahrung bilden. Danach fragte die Ausstellung Fortschritt, Norm und Eigensinn, deren Titel drei Pole gesellschaftlicher Entwicklung in der DDR andeutete.

Fortschritt steht für die Triebkräfte in der DDR-Gesellschaft nach Verbesserung der Lebensverhältnisse und sozialer Gerechtigkeit, Norm ist Begriff für Einengung, bürokratische Verkrustung, den Versuch der Lenkung und Steuerung aller Lebensbereiche. Eigensinn dagegen bezeichnet die individuellen und kollektiven Vorstellungen und Handlungsstrategien, die lebenspraktische Aneignung des Landes.

Die Ausstellung stellte den Kalten Krieg und die Systemkonkurrenz vor, die Ost und West - systemübergreifende Literatur, die Macht und ihre Symbole, Bildung und Erziehung, Kinderzeitschrift „Bummi“, generationsprägende Erfahrungen mittels Fotografien, die Weltjugendfestspiele 1951 und 1973, Vertragsarbeiter in der DDR und Teilnehmer am Bau der Erdgastrasse vor. Brigade, Hausgemeinschaft und Gartensparte, Wohnkultur und die feinen Unterschiede in den Lebensstilen, Sozialpolitik, Formen der Entlohnung und der Motivation durch Lohn, Auszeichnungen und Prämien, Handel, Versorgung und Beschaffungswege waren Thema der Ausstellung, ebenso wie die industrielle Überformung des Oderraums durch Großindustrie.